BioSkop unterstützen! Kontakt Über uns
Kontakt Impressum

EDITORIAL Heft Nr. 84 (Juni 2021)

Gegen die „Anormalen“

Unter den verschiedenen Hauptcharakteren der „Anormalen“ bezeichnete der Philosoph Michel Foucault auch den Typus des „korrektionsbedürftigen Individuums“. Das ist eine Person, die sich aufgrund ihres Körpers, ihres Verhaltens, ihres Aussehens und ihrer Fähigkeiten den Normalitätsvorstellungen entzieht.

newsletter_84_188px.jpg

Erkennbar sind hier Menschen mit Behinderungen gemeint. Sie lassen sich nicht immer der Norm anpassen, weil es der Grad der Behinderung schlicht nicht zulässt. Ein Instrument, das nach Foucault gegen die „Anormalen“ in Anwendung gebracht worden ist, ist die „Entmündigung“. Das findet auch heute noch statt. Rebecca Maskos weist dies in ihrem Artikel über dem Umgang mit Behinderten in der Corona-Pandemie nach (Seite 2).

In gleicher Weise liegt „Entmündigung“ vor, wenn bei der Verabschiedung des sogenannten
Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes ohne Anhörung Betroffener PolitikerInnen allein entscheiden, was sie unter Barrierefreiheit verstehen. Dazu berichtet Erika Feyerabend auf Seite 4

Ein weiteres Instrument gegen die „Anormalen“ sieht Foucault in der „Einsperrung“. Er versteht darunter die Einrichtungen, Asyle, Kliniken, Psychiatrien und Heime, in die seit gut dreihundert Jahren „anormale“ Menschen interniert werden. „Die Einsperrung schließt tatsächlich aus“, so Foucault. Solche Institutionen gibt es auch heute noch. In einer davon wurden erst kürzlich dort Behinderte getötet. Jenseits der zur Schau gestellten Betroffenheit, stellt kein Verantwortlicher und keine Verantwortliche die Frage, ob diese Institution selbst ein Grund dafür sein kann, dass wenn schon nicht die „Anormalie“ beseitigt werden kann, dann wenigstens die TrägerInnen derselben. Einschätzungen dazu gibt Volker van der Locht auf Seite 6.

Dass diese Einsperrungsinstitutionen eine Gefahr für Leib und Leben der angeblich „Anormalen“ bedeuten können, bestätigt ein Urteil des Sozialgerichts Bremen, das den Sozialleistungsträger zu Entschädigungen wegen Anwendung körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt gegen das „ehemalige Heimkind“ Rolf Michael Decker verurteilt hat (Seite 7).

Die Artikel dokumentieren lang zurückreichende Traditionen im ausgrenzenden bis zerstörenden Umgang mit angeblich Abweichenden, und sie lassen doch an der Ernsthaftigkeit zweifeln, wenn die Verantwortlichen von Inklusion und Teilhabe reden.

In diesem Sinne für die newsletter-Redaktion

VOLKER VAN DER LOCHT

Die aktuelle Ausgabe Nr. 84 des newsletter Behindertenpolitik erschien als Beilage zu BIOSKOP Nr. 94.

Hier können Sie das aktuelle Heft BESTELLEN.

ABONNIEREN Sie BIOSKOP! Dann erhalten Sie den newsletter Behindertenpolitik regelmäßig gratis dazu.