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EDITORIAL Heft Nr. 78 (Dezember 2019)

Willkürliches

Das Wort „Willkür“ ist eine Zusammensetzung aus Wille und Kür. Es bedeutete ursprünglich etwas Selbstbestimmtes, nämlich: Wille aus eigener Wahl (Kür). Diese alte Bedeutung ging in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verloren und erhielt die heute negative Färbung des Handelns nach eigenem Gutdünken ohne Rücksicht auf andere.

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In diesem moderneren Sinne verstand schon der Schriftsteller Friedrich von Hardenberg (1772-1801), genannt Novalis, die Willkür in der Medizin, als er Ende des 18. Jahrhunderts schrieb: „Ein Hauptmangel der Arzneykunst liegt noch in der willkührlichen, unsystematischen Dosenbestimmung und Dosen-Suite.“

Die Ansicht könnte aktueller nicht sein angesichts der Medikamentenversuche, die in früheren Jahrzehnten der Bundesrepublik an Heimkindern verübt worden sind. Das gilt auch für den alten Begriff der „Dosen-Suite“ (Suite = Gefolge) und kann moderner mit „Medikamenten-Cocktail“ übersetzt werden, der oft den BewohnerInnen in Heimen und Anstalten willkürlich verabreicht wird. Volker van der Locht stellt neuere Veröffentlichungen zum Medikamenteneinsatz an Heimkindern und Psychiatrie-Betroffenen vor (Seite 6).

Um Willkür handelt es sich ebenso, wenn Menschen mit Behinderungen ärztlichen Rat suchen und ihn aufgrund von kognitiven, baulichen und sonstigen Barrieren nicht finden können. In Hamburg hat sich eine Initiative auf die Suche gemacht, wie viele Arztpraxen für diesen PatientInnen-Kreis erreichbar sind. Unter dem Titel „Zur Nachahmung empfohlen!“ berichtet Erika Feyerabend auf Seite 1.

Der Duden sieht bei Willkür einen Sinnzusammenhang zu Gewalt, Zwang und Terror. Das trifft in besonders extremer Weise auf das Nazi-Regime zu. Die kürzlich verstorbene Dorothea Buck hat die nationalsozialistische Willkür überlebt und produktiv gewendet. Margret Hamm und Volker van der Locht widmen ihr einen Nachruf (Seite 2).

Oft werden Gehörlose willkürlich von der Kommunikation in einer Gesellschaft von Hörenden ausgeschlossen. Im Gespräch mit Erika Feyerabend erläutert die Jugendbuchautorin Kathrin Schrocke über ihr Buch „Freak-City“, wie selbstbewusst Gehörlose die Gebärdensprache als eigenständige und gleichberechtigte Kommunikationsform einfordern (Seite 4). Sie beziehen sich damit auf den oben erwähnten ursprünglichen Sinn der Willkür als Wille zur eigenen Wahl und verweisen auf eine Zukunft, in der unterschiedliche Sprachformen gleichberechtigt sind.

Sicher hat auch die Themenauswahl dieses newsletters etwas Willkürliches, wir hoffen aber dennoch, eine gute Wahl für unsere Leserinnen und Leser getroffen zu haben.

Für die newsletter-Redaktion

VOLKER VAN DER LOCHT

Die aktuelle Ausgabe Nr. 78 des newsletter Behindertenpolitik erschien als Beilage zu BIOSKOP Nr. 88.

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