EDITORIAL Heft Nr. 103 (März 2026)
Prekäres Anderssein
Wer nicht sehen, nicht hören, nicht laufen kann, hat einen anderen Bezug zur Welt als jene, die all das können.

Was es heißt, zum Beispiel nicht sehen zu können, bringt uns Tobias Litterst in seinem Buch, hier besprochen von Siegfried Saerberg, nahe. Wir Sehenden wissen damit noch nicht, wie es ist, blind zu leben; aber wir bekommen eine Ahnung davon, dass es nicht nur defizitäre und romantisierende Weltbezüge sind. Es sind paradoxe, die nicht allein von dem nicht vorhandenen sehenden Überblick geprägt sind, sondern auch von unserer Beziehung zum andersseienden Nächsten (Seite 4).
Der „wilde Peter“, der 1724 als nicht sprechender, scheinbar verwilderter Junge aufgefunden wurde, hat seinen lebenswerten Ort gefunden, wo man ihn so akzeptierte wie er war, bei einer Bauernfamilie. Udo Sierck macht das in seiner Biografie anschaulich. (Seite 6).
Heute haben wir es leider auch mit einer Partei zu tun, die eine wirkliche Begegnung zwischen Menschen mit Behinderungen und Normalen nicht wünscht. Die AfD hat sich vor allem gegen Möglichkeiten des gemeinsamen Lernens ausgesprochen (Seite 1). Dabei wäre das bitter nötig.
Die Pflege (Seite 2) ist chronisch unterfinanziert und funktioniert nur, weil viele Angehörige – vor allem Frauen – die Unterstützung sichern. Als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir alle mal brauchen könnten, weil wir verletzliche und nicht nur leistungsstarke Menschen sind, wird die Solidarität mit Pflegebedürftigen nicht gesehen. Beruflich Pflegende, die Missstände öffentlich machen, werden diffamiert, pflegende Frauen alleingelassen und die Pflegekosten steigen stetig.
Die Weltsicht der Normalen muss sich ändern, sie müssen die Begegnungen mit den prekär Andersseienden ausweiten und vertiefen.
Erika Feyerabend für das Team der Newsletter-Redaktion
Die aktuelle Ausgabe Nr. 103 des newsletter Behindertenpolitik erschien als Beilage zu BIOSKOP Nr. 113.
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