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Olga von Bock (Frankfurt a.M.), Wissenschaftsjournalistin :

Profitabler "Abfall"

Stammzellen aus Nabelschnurblut können lukrativ sein, aber ein therapeutisches Wundermittel sind sie nicht

Artikel erschienen in: BIOSKOP-Schriftzug / beim Anklicken: zur Inhaltsübersicht der BIOSKOP-Ausgaben Nr. 21, März 2003, Seiten 6+7


Stammzellforschung ist ein Politikum. Kein Klon-Experiment, keine Debatte um das Embryonenschutzgesetz kommt ohne den Hinweis auf segensreiche Perspektiven der Stammzellforschung aus: Verheißen wird Gewebeersatz aus dem Labor für bislang unheilbare Krankheiten. Kritik wird in der Regel nur dann laut, wenn mit embryonalen Zellen experimentiert werden soll. Dabei kann auch die Verwertung von adulten Stammzellen aus Nabelschnurblut problematisch sein - und finanziell lukrativ.

WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und Medien stellen Stammzellen gern als neue Wunderwaffe der Biomedizin gegen noch unheilbare Krankheiten dar. Tatsächlich ist bisher nicht einmal bekannt, warum und in welche Körperzellen sich Stammzellen verwandeln können. Unklar ist auch, ob das Therapiekonzept "Stammzellentransplantation" wirklich heilen kann: Nach welchen Regeln sich transplantierte Zellverbände wo im menschlichen Körper anordnen, ist bisher jedenfalls ungewiss. In Tierversuchen wuchsen Leberzellen zuweilen im Gehirn heran oder Nervenzellen im Herz.

Die umstrittenen embryonalen Stammzellen haben unkalkulierbare Wirkungen: Sie scheinen sich im Labor nicht nur in alle Zelltypen verwandeln zu können, sie neigen auch dazu, besonders aggressive Tumore auszubilden. Auch Versuche mit künstlich hergestelltem Gewebe verliefen bislang anders als wissenschaftlich erhofft und medial propagiert: Pankreasinselzellen verlernen ihre Fähigkeit, Insulin auszubilden, oder bestimmte Leberzellen zeigen nur einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Entgiftungsleistung. Kurzum: Stammzellforschung ist, trotz aller Euphorie, noch reine Grundlagenforschung.

Als eine Variante der Stammzelltherapie werden heute auch Knochenmarktransplantationen verstanden, wenngleich sie bereits seit über zwanzig Jahren erfolgen, vor allem bei der Behandlung von an Leukämie (Blutkrebs) erkrankten Kindern. Bei dem Eingriff wird das Blutsystem der PatientInnen zerstört und durch Knochenmark eines Spenders ersetzt, wobei die im fremden Knochenmark enthaltenen, Blut bildenden Stammzellen für Heilung sorgen sollen.

Seit Mitte der 90er Jahre werden für die Leukämietherapie verstärkt Stammzellen aus der Nabelschnur benutzt, die ebenfalls als Blut bildend gelten. Der "wertvolle Abfall" - so die Sprachregelung der Düsseldorfer Nabelschnurblutbank - kann ohne körperliche Belastungen während der Geburt entnommen werden, falls die Mutter zugestimmt hat. Den Frauen wird vermittelt, dass ihr Nabelschnurblut ausschließlich nicht-kommerziellen Zwecken diene und leukämiekranken Kindern zur Verfügung gestellt werde. Das Nabelschnurblut wird eingefroren und in öffentlich betriebenen Blutbanken eingelagert, von wo es über ein europäisches Netzwerk anonym für Transplantationen verteilt werden kann.

Inzwischen haben auch Geschäftsleute das Nabelschnurblut entdeckt. Gegen Gebühr von mehreren tausend Euro bieten diverse Firmen an, Nabelschnurblut aufzubewahren - und zwar als potenzielles Therapeutikum für das Kind selbst (autolog) oder auch für Familienangehörige für den Fall, dass sie irgendwann schwer erkranken. Allerdings ist medizinisch umstritten, ob diese Stammzellen überhaupt autolog verwendet werden können. Die Menge der Stammzellen im Nabelschnurblut reicht jedenfalls nur für Kinder, die weniger als 40 Kilogramm wiegen. Trotzdem sprechen Betreiber privater Blutbanken von "biologischer Lebensversicherung", wenn sie für die kostspielige Nabelschnurblutkonservierung werben.

Doch auch als seriös geltende, "nicht-kommerzielle" Forschung, die einen "therapeutischen Nutzen" verheißt, ist fragwürdig. Aufgrund der schweren "Nebenfolgen" sind Stammzelltransplantationen - ob aus Knochenmark, Blut oder Nabelschnurblut - ohnehin nicht die Therapie der Wahl. Erst wenn die radio- und chemotherapeutische Behandlung gescheitert oder erneut eine Leukämie entstanden ist, versucht man die Stammzellenübertragung. Die Heilungschancen für die meist kleinen Kinder von drei bis sieben Jahren sind gering. Mögliche Abstoßungsreaktionen können qualvolle und tödliche Folgen haben. Die Kinder müssen während der Behandlung in isolierter, steriler Umgebung leben. Jeder Kontakt mit Menschen ist gefahrvoll. Beispielsweise können die Schleimhäute - vom Nasenrachenraum bis zum Darm - so stark entzündet sein, dass selbst das Schlucken des eigenen Speichels so schmerzhaft ist, dass die PatientInnen es ohne hohe Morphingaben nicht ertragen und einfach den Speichel aus dem Mund laufen lassen. Wächst das Transplantat nicht an, haben die Kinder keine Überlebenschance. Und selbst wenn die Transplantation als gelungen gilt, können die fremden Zellen nicht nur die restlichen Leukämiezellen, sondern auch Gewebe und Organe des Empfängers zerstören. Das kann zum Tode führen oder sich so schlimm auswirken, dass sich die Haut am ganzen Körper schält oder die Betroffenen ihr Leben mit Hilfe künstlicher Beatmung verbringen müssen.

Der Weltmarkt für Zell-Therapien werde bis zum Ende dieses Jahrzehnts auf über 30 Milliarden Dollar geschätzt, sagt die Firma des Professors.
Ein therapeutisches Wundermittel ist die Stammzelltransplantation in ihrer seltenen klinischen Anwendung bei Leukämie also nicht. Aber sie ist lukrativ: Im Durchschnitt kostet die Einlagerung von leicht zu beschaffendem Nabelschnurblut den öffentlichen Zentren nicht mehr als 600 Euro. Wird das Präparat irgendwann zur Behandlung von Blutkrebs eingesetzt, können 15.000 Euro in Rechnung gestellt werden. Und: Mit dem Boom der Stammzellforschung und auf dem Hintergrund einer restriktiven Gesetzgebung in Sachen embryonaler Stammzellen, verfügen die öffentlichen Blutbanken zudem über begehrtes Forschungsmaterial! Je nach Blutbank werden 30 bis 60 Prozent der Proben gar nicht für Transplantationen verwendet. Da drängen sich Fragen geradezu auf: Was geschieht mit den Blutpräparaten? Werden sie vernichtet? Verkauft? Zu Forschungszwecken genutzt? Wer profitiert von der gratis überlassenen Substanz?

Kommerzielle Firmen sind immerhin durch privatrechtliche Verträge mit den Eltern gebunden und verpflichtet, die Präparate zu konservieren und über deren Verbleib aufzuklären. Dagegen haben öffentliche Banken weit mehr Spielraum. Der große Anteil an Blutpräparaten, deren Stammzellenmenge für den klinischen Einsatz zu gering ist, darf arzneimittelrechtlich weder eingelagert noch als "Spende" weiter gereicht werden. Einige Banken geben an, sie würden diese Präparate entsorgen und keinesfalls verkaufen. Andere nutzen das Material kommerziell.

Beispiel Freiburg: Die Koordination der an der dortigen Universität betriebenen Blutbank obliegt einer Mitarbeiterin der Firma Metreon Bioproducts. Diese GmbH ist ein gemeinsames Tochterunternehmen des Pharmamultis Schering und der Freiburger Firma CellGenics, die 1994 vom Freiburger Uniklinikum gegründet worden ist. CellGenics entwickelt, produziert und vermarktet Zell- und Proteinpräparate sowie Materialien für die "ex-vivo"-Bearbeitung von Zellen. Schwerpunkt ist die Arbeit an adulten Stammzellen. Zu diesem Zweck unterhält CellGenix weltweite Kooperationsbeziehungen insbesondere zu Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Nord- und Südamerika. Die Verbindung zur Freiburger Nabelschnurblutbank ist für die Produktionsperspektiven ideal.

Beispiel Düsseldorf: Dort leitet Professor Peter Wernet die größte europäische Nabelschnurblutbank, eingerichtet an der Düsseldorfer Universität. Außerdem ist Wernet Gründer des Start-up-Unternehmens Kourion Therapeutics AG, die Investoren mit der Hoffnung auf ganz große Geschäfte lockt. Der Weltmarkt für Zell-Therapien werde bis zum Ende des Jahrzehnts auf 30 Milliarden US-Dollar geschätzt, sagt die Aktiengesellschaft des Professors. Kourion hat Kooperationsverträge mit diversen Firmen abgeschlossen und hält einige Patente zur Stammzellforschung mit Nabelschnurblut. Die forschungspolitische Strategie der rot-grünen Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, Universitätseinrichtungen zu Firmengründungen und Patentanmeldungen zu bewegen und dafür zu belohnen, hat sich für Kourion ausgezahlt. Das Unternehmen hat öffentliche Fördermittel in Höhe von 4,8 Millionen Euro kassiert.

Von Patenten und Profiten ist allerdings nicht die Rede, wenn Frauen via Medien, Internet oder Geburtsvorbereitungskursen zur Nabelschnurspende gebeten werden. Die Freiburger Blutbank appelliert an die Nächstenliebe: "Sie können Leben schenken - noch einem Kind."



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