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BioSkop – Forum zur Beobachtung
der Biowissenschaften
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Gefahren der Forschungs- und Vorsorgepolitik
Genomforschung / Versuche am Menschen / Pränataldiagnostik / Gentests / Impfen / Verdatung
/ Bevölkerungspolitik / Gene & Geschäfte / Gesundheitspolitik und Präventionspolitik
Erika Feyerabend
(Essen), Journalistin, aktiv im BioSkop-Forum:
Chronische Kontrolle
Neue »Disease-Management-Programme« sollen
Behandlung verbessern und PatientInnen erziehen
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt
(SPD) verheißt einen »Durchbruch zu mehr
Qualität in der gesundheitlichen Versorgung
chronisch kranker Menschen«. Möglich
machen sollen dies so genannte
»Disease Management Programme«
(DMPs), die ÄrztInnen und PatientInnen
detaillierte Vorgaben für Behandlung,
Medikation und Lebensstil machen. Wer
freiwillig teilnimmt, wird permanent
überwacht.
Das Gesundheitssystem wird ständig reformiert.
Mehr als 50 Gesetze und 7.000 Einzelverordnungen
wurden seit Anfang der siebziger Jahre
erlassen. Jede Generation von GesundheitsökonomInnen
und PolitikerInnen verspricht Besserung.
Die Quadratur des Kreises - profit- und
wachstumsorientierte Gesundheitsindustrien
politisch zu fördern und gleichzeitig sozialstaatliche
Versorgungspflichten zu verringern -
mochte bisher aber nicht so recht gelingen.
Die gegenwärtigen ReformerInnen haben
nun vor allem diejenigen Menschen im Blick,
die mit dauerhaften Krankheiten wie Diabetes,
Bluthochdruck, Asthma, Brustkrebs oder Herz-
Kreislauf-Beschwerden leben; sie gelten als
KostentreiberInnen. »20 Prozent der Versicherten
«, bxehauptet Ulla Schmidt, »sind chronisch
krank und verursachen 80 Prozent der Kosten.«
Schuld daran seien nicht nur politische
Fehlsteuerungen, sondern auch die so genannten
»Chroniker« selbst, kritisiert der Sachverständigenrat
für die Konzertierte Aktion im
Gesundheitswesen in seinem jüngsten Gutachten.
Darin kritisieren die Berater des Bundesgesundheitsministeriums
(BMG) neben Ȇber-
Unter- und Fehlversorgungen«, dass viele PatientInnen
sich gesundheitsriskant verhalten und
die Vorbeugung vernachlässigen würden.
Vorgaben für Diabetes und Brustkrebs
Das wird sich nach Meinung von Rot-Grün
nun ändern, die Versorgung chronisch Kranker
soll besser und wirtschaftlicher werden - und
vor allem kontrollierter. Das Zauberwort heißt
»Wettbewerb um Qualität«, das Wundermittel
sollen »Disease-Management-Programme«
(DMPs) sein, die Krankenkassen ihren Versicherten
neuerdings anbieten können. Die rechtlichen
Rahmenbedingungen regelt eine Verordnung
des BMG, die seit Juli in Kraft ist. Die
Vorgaben gelten zunächst für Diabetes Typ 2 und
Brustkrebs, ähnliche Programme sollen bald
auch für andere »Volkskrankheiten« folgen.
Medizinischer Schwerpunkt der DMPs ist es,
die TeilnehmerInnen zu »gesundheitsförderndem
Verhalten« zu erziehen. Zu diesem Zweck
vereinbaren Arzt und Patient gemeinsam Therapieziele
und legen Behandlungsverlauf und
Medikation fest. Bei Diabetes werden zum
Beispiel Zielwerte für Blutdruck und Blutzucker
festgelegt, die Kontrolle erfolgt durch regelmäßige
Untersuchungen. »Erinnerungssysteme«
sollen die Beteiligten darauf aufmerksam machen.
Außerdem müssen die Krankenkassen
Schulungen anbieten, zu deren Teilnahme die
PatientInnen verpflichtet sind.
Medizin nach Standards und Leitlinien
Entscheidend für die DMP-MacherInnen ist,
dass vorgegebene Standards für Wirtschaftlichkeit
und »gutes« ärztliches Handeln eingehalten
werden: Ob Diagnostik, Therapie, Medikation,
Nachsorge oder Lebensweise - was im
Rahmen von DMPs zählt, sind nicht vielfältige
Erfahrungen von ÄrztInnen und PatientInnen,
sondern die Orientierung an »evidenzbasierten
Leitlinien«, die den Stand der medizinischen
Wissenschaft spiegeln sollen. Verlauf und Erfolg
der DMPs werden detailliert dokumentiert und
ausgewertet.
Allerdings sind medizinische Standards
durchaus umstritten: Die Deutsche Krebsgesellschaft
findet die Vorgaben für die Brustkrebs-
DMPs jedenfalls »halbherzig«. Die Gesellschaft
befürchtet »eine Unterversorgung von Brustkrebspatientinnen
in Deutschland«. Begründung:
Das Behandlungsprogramm bleibe hinter
international längst etablierten Standards und
Anforderungen zurück, sei ungenau und entspreche
nicht dem allgemeinen Stand medizinischer
Erkenntnis. Dennoch: Der grundsätzliche
Ansatz von DMPs, Kontrolle und Qualitätssicherung ärztlicher Behandlung zu gewährleisten,
klingt erst einmal plausibel, weil er die persönliche
Erfahrung vieler PatientInnen trifft.
Die individuelle Lage chronisch Kranker
haben die PlanerInnen und PlayerInnen im
Gesundheitswesen aber gerade nicht im Blick.
Ihr Fokus richtet sich auf das Kollektiv aller
Versicherten und kakulierbare Kosten-Nutzen-
Prognosen. Krankenkassen arbeiten wettbewerbsorientiert.
Private konkurrieren mit gesetzlichen
Versicherungen und gesetzliche
Kassen konkurrieren untereinander. Von allen
umworben werden die »guten Risikoträger«:
jung, erwerbstätig, gut verdienend und möglichst
gesund. Sie sind es vor allem, die bereit
sind, die Kassen zu wechseln.
Die ärgsten Folgen dieser Wettbewerbslogik
soll ein so genannter Risikostrukturausgleich
(RSA) mildern. In diesen Topf zahlt jede gesetzliche
Kasse ein und bekommt, entsprechend der
Risikostruktur ihres Versichertenkollektivs, einen
Geldbetrag zugewiesen. Berücksichtigt wurden
bisher Alter und Geschlecht, Erwerbstätigkeit
und Krankengeldansprüche, nicht aber die
Krankheiten der Versicherten. Eine 35-Jährige
mit Diabetes wurde also beim RSA nicht von
einer Gleichaltrigen ohne Beschwerden unterschieden.
Widerstand der KassenärztInnen
Dies hat Rot-Grün nun geändert. Durch die
Neuregelung des RSA vom November 2001
sollen die Krankenkassen nun finanziell belohnt
werden, wenn sie viele chronisch kranke Mitglieder
haben. Je mehr Versicherte in die DMPs
geraten, je mehr Geld kann aus dem Risikopool
in die eigene Kasse zurückfließen. Das bedeutet:
Der Wettbewerb um Menschen mit chronischen
Krankheiten kann beginnen, denn er lohnt sich
- finanziell. Immerhin 13 Milliarden Euro werden
hier neu verteilt.
Obwohl viele Krankenkassen schon seit
Wochen kräftig die Werbetrommel rühren, läuft
noch kein einziges DMP. Das liegt am Widerstand
der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
(KBV), die sich bisher weigert, DMP-Verträge
mit den Kassen abzuschließen. Die KBV lehnt
die Verknüpfung zwischen RSA und DMPs ab
und warnt vor dem »gläsernen Patienten«.
Die Kritik der Ärztelobby ist berechtigt. Denn
die BMG-Verordnung ermöglicht, was bisher tabu
war: Im Rahmen der DMP erhalten die Krankenkassen
erstmalig Zugang zu persönlichen medizinischen
Daten von Versicherten. Diagnosen,
Befunde, Laborwerte, Angaben zu Lebensstil
und Therapietreue - all dies dürfen die Kassen
im Zuge des Disease Managements erfahren.
Dies eröffnet ihnen Optionen zur gezielten
Selektion von Risikopersonen und zur Einmischung
in das Arzt-Patienten-Verhältnis. Wie
das konkret aussehen kann, verdeutlicht KBVVizechef
Leonhard Hansen an Hand von Erlebnissen,
die es nach der geltenden Rechtslage
eigentlich gar nicht hätte geben dürfen: »Manche
Diabetiker«, berichtet Hansen, »kommen
ganz verstört in meine Praxis, weil die Krankenkasse
bei ihnen zuhause angerufen, nach ihren
Zuckerwerten gefragt hat und dann den Therapieplan
ändern wollte.« Derartige Eingriffe
schließt die BMG-Verordnung zu DMPs nun
ausdrücklich nicht mehr aus.
Empfehlung von McKinsey
»Disease Management beruht auf Verhaltenskontrolle« von BehandlerInnen und PatientInnen,
schreibt ungeschminkt die Unternehmensberatungsfirma
McKinsey, die auch Krankenkassen
zu Diensten ist. Um die DMP-Daten
jederzeit verfügbar zu haben, empfiehlt McKinsey,
sie auf so genannten »elektronischen
Patientenakten« zu speichern. Dies könnte bald
tatsächlich Wirklichkeit werden: Die Einführung
elektronischer »Gesundheitskarten« steht in
den Wahlprogrammen von SPD und CDU/CSU;
vorher sollen Modellversuche Technik und
Akzeptanz abchecken.
Die Teilnahme an den neuen Programmen
ist selbstverständlich freiwillig. Doch was ist
mit chronisch Kranken, die nicht mitmachen
wollen oder die als unprofitabel klassifiziert
werden? Was mit jenen, die Schulungen schwänzen,
zu wenig rationales Verhalten zeigen? Die
seit Juli geltende Verordnung zur RSA-Änderung
verpflichtet die TeilnehmerInnen zur aktiven
Mitwirkung, und dies muss auch lückenlos
dokumentiert und nachgewiesen werden. Wer
»ohne plausible Begründung« Schulungsstunden
versäumt, kann aus dem DMP ausgeschlossen
werden.
PatientInnen als »KostentreiberInnen«
Nicht ausgeschlossen ist, dass der - oft
uneingelöste - Anspruch, dass ÄrztInnen ihren
PatientInnen Behandlungen nachvollziehbar
erklären, in DMPs ein Stück weit eingelöst wird.
Allerdings begrenzen die standardisierten Programmvorgaben
von vornherein die Auswahl
therapeutischer Alternativen. Aufsuchen eines
Facharztes - nur unter den Bedingungen der
Rechtsverordnung. Selbstbestimmtes Verhalten
im Alltag - nur mit verbindlicher Erinnerungsund
Rückmeldefunktion für Versicherte und
Leistungserbringer sowie dokumentierter Teilnahme
an Schulungen. Spätestens nach Durchlauf
des Programms wissen PatientInnen, dass
sie KostentreiberInnen sind. Und dass sie nur
dann Anspruch auf medizinische Versorgung
haben, wenn sie den Vorgaben folgen und die
geforderte Mitmachbereitschaft beweisen.
Wirkung auf alle Versicherten
Wirken sollen und werden DMPs aber auch
auf diejenigen, die (noch) gesund sind. Durch
die DMP-Dauer-Werbung wird allen Versicherten
beigebracht, ihr Leben buchhalterisch und nach
vorgegebenen Präventionsregeln zu führen -
wenn sie nicht riskieren wollen, irgendwann
von einer guten medizinischen Versorgung
ausgeschlossen zu werden.
Denn die Gewöhnung an Konzepte, die
Lenkung von Behandlung und Lebensstil bezwecken,
läuft auf vollen Touren. Mitgetragen
wird sie auch von einigen Organisationen, die
beanspruchen, PatientInnen-Interessen zu
repräsentieren, allen voran die Bundesarbeitsgemeinschaft
Hilfe für Behinderte. (Siehe auch
Seite 4) Die BAGH wirbt intensiv für die neuen
Programme. »Der Vielfalt der Krankheiten«,
meint BAGH-Geschäftsführer Christoph Nachtigäller,
»muss eine Vielfalt von DMPs entsprechen.
Aus Patientensicht ist zu fordern, dass die
DMPs sowohl für Volkskrankheiten als auch für
seltene Erkrankungen entwickelt werden. Die
Spitzenverbände der Selbsthilfe sollten schon
bei der Definition der Inhalte und der Anforderungsprofile
beteiligt werden.«
Zur Überwachung bereit?
Ob derartige Statements wirklich die Bedürfnisse
von DiabetikerInnen und Brustkrebspatientinnen
ausdrücken, wird sich nach der
Bundestagswahl zeigen, wenn die DMPs wahrscheinlich
anlaufen werden. Das Kalkül von
Krankenkassen und GesundheitsökonomInnen
kann nämlich nur aufgehen, wenn viele chronisch
kranke Menschen bereit sind, sich per
DMP chronisch überwachen zu lassen.
Wollen sie das wirklich?
© ERIKA FEYERABEND, 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Autorin
»Dankeschön-Präsent« von der Betriebskrankenkasse
»Die Betriebskrankenkasse
des Landes Berlin (BKK) hat
Prämien für chronisch Kranke
ausgelobt. BKK-Versicherte,
die an einer chronischen
Krankheit leiden, wie zum
Beispiel Diabetiker oder
Krebskranke, können an
dem Gesundheitsprogramm
MedPlus der Krankenkasse
teilnehmen. Die ersten 500
Versicherten, die ihr Interesse
an MedPlus bekunden, erhalten
ein Dankeschön-Präsent
von der Betriebskrankenkasse.
Der Versicherte hat die Wahl
zwischen einer Zehnerkarte
für die Bäder-Betriebe, einem
Gutschein für das Kulturkaufhaus
Dussmann oder
Kinokarten.«
aus einem Bericht von Tanja Kotlorz,
erschienen am 1. September 2002 in der Berliner Morgenpost
Spannungsreiches Feld
für den Datenschutz
»Ich gehe davon aus, dass die
Disease-Management-Programme,
die jetzt festgelegt
werden, nur ein erster Schritt
sind. Bei Erfolg dieser Programme
werden bezogen auf
die Zukunft gesundheits-, aber
auch datenschutzpolitische
Auswirkungen zu erwarten
sein. Die Anzahl der Erkrankungen
wird erweitert werden.
Dem gemäß müssen von
Anfang an die Weichen richtig
gestellt werden, damit diese
Entwicklung für die Versicherten
nicht bedeutet, dass ein
weiterer Schritt in Richtung
gläserner Patient gegangen
wird, der politisch nicht gewollt
ist. Für den Datenschutz
bleibt das Gesundheitswesen
weiterhin ein weites spannungsreiches
Feld.«
Einschätzung von Joachim Jacob,
Bundesbeauftragter für den Datenschutz. Jacob referierte beim Symposium über
»Datentransparenz im Gesundheitswesen«, das die Kassenärztliche
Bundesvereinigung (KBV) im März in Königswinter veranstaltet hat. Eine
Dokumentation der Tagung gibt es gratis bei der KBV, Redaktion Kontext,
Herbert-Lewin-Str. 3, 50931 Köln, Mail: presse@kbv.de