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Menschliches Wachstumshormon ist ein Eiweiß. Es gehört somit zu den Substanzen, die mittels Gentechnik erstmals synthetisch hergestellt werden konnten. An die Möglichkeit, Eiweiße zu synthetisieren, hatte man anfangs immense medizinische Hoffnungen geknüpft: Alle Krankheiten, die durch den Ausfall eines Eiweißes bedingt sind, sollten nun erstmals ursächlich behandelt werden können. Die Realität sieht allerdings meist komplexer aus als gedacht.
Gentechnisch hergestelltes menschliches Wachstumshormon gibt es seit 1985. Es war ursprünglich zur Therapie für diejenigen unter den als kleinwüchsig geltenden Menschen gedacht, die zu wenig von diesem Hormon produzieren. Da die Zahl dieser PatientInnen ziemlich klein ist, wurde das Wachstumshormon in den USA in ein staatliches Förderprogramm aufgenommen, welches für die Entwicklung selten gebrauchter Medikamente finanzielle Erleichterungen gewährt.
Bald wurden weitere Einsatzmöglichkeiten für das Hormon in Aussicht gestellt: für Kinder, die um ein bestimmtes Maß kleiner sind als ihre Altersgenossen, ohne dass bei ihnen ein Hormonmangel besteht; als "Verjüngungsmittel" für ältere Menschen sowie zum Dopen für SportlerInnen.
Das Verabreichen einer Substanz an Menschen, denen es daran nicht mangelt, bedeutet immer, dass sie dann überhöhte Mengen davon haben. Jede derartige Veränderung kann Nebenwirkungen hervorrufen. Deshalb und um den Grad der Wirksamkeit herauszufinden, wurden eine ganze Reihe von Studien durchgeführt. Dafür wurden Kinder ausgesucht, bei denen die zu erwartende Größe im Erwachsenenalter bei Mädchen nicht über 1,45 Meter liegt und bei Jungen nicht über 1,60 Meter. Die voraussichtliche Größe lässt sich aus dem Verknöcherungsgrad von Gelenken aus Röntgen-Aufnahmen ablesen. Interessant ist aber die Wahl der Grenzwerte. In medizinischen Nachschlagewerken werden sie mit 1,40 m bzw. 1,50 m angegeben. Also wird offenbar bereits auf dieser Ebene eine Vergrößerung der Gesamtzahl und damit ein größerer Markt angestrebt.
Die Ergebnisse dieser Studien ergeben kein einheitliches Bild. Manche melden eine Wachstumsbeschleunigung durch das Hormon um mehrere Zentimeter pro Jahr, manche nur geringe Effekte oder gar keine. Der Knackpunkt könnte der Zeitraum sein, über den die Versuche durchgeführt wurden. Manche liefen nur über sechs Monate bis zwei Jahre, andere über vier bis zehn Jahre. Aus einer Studie, die neun Jahre lang dauerte, geht hervor, dass die Körpergröße verglichen mit nicht behandelten Kindern vier Jahre lang zunahm und danach im Vergleich zu ihnen aber wieder zurückfiel, so dass am Ende nur ein Gesamteffekt von 2,5 bis 2,8 cm übrig blieb. Eine Studie über zehn Jahre kommt sogar zu dem Ergebnis, dass der Endeffekt gleich Null ist. Die behandelten Kinder würden, so heißt es dort, ihre natürliche Größe nur schneller erreichen, aber nicht überschreiten.
Bei stark überhöhten Konzentrationen, wie sie bei manchen Erkrankungen und bei Einsatz zu Dopingzwecken auftreten, kommt ein Krebsrisiko dazu, außerdem Verkalkung der Gelenke und bei Erwachsenen sekundäres Spitzenwachstum, wobei Hände, Füße, Nase und Lippen vergrössert werden. Einigkeit scheint darin zu herrschen, dass die Langzeitwirkungen noch nicht ausreichend geklärt sind.
Während also weder die Wirkungen noch die Langzeitwirkungen wirklich bekannt sind, scheint eines festzustehen: der Preis der Therapien. Die Kosten betragen 20.000 US-Dollar pro Jahr bei einem 30 kg schweren Kind - und das über viele Jahre (wobei die Kosten für Arztbesuche und Kontrollanalysen nicht mitgerechnet sind). Trotz des hohen Preises und obwohl die Anwendung bei gesunden Kindern nicht zugelassen ist, übernehmen die Versicherungen in den USA in gut zehn Prozent der Fälle die Kosten.
Kein Wunder, dass die Industrie darauf drängt, diesen Anteil zu erhöhen. Die Firma Genentech wurde beschuldigt, 1,1 Millionen Dollar an illegalen Zahlungen an ÄrztInnen geleistet zu haben, damit sie das Wachstumshormon der Firma häufiger verschreiben. Und ein US-Kongressabgeordneter konnte durchsetzen, dass sie die Werbung für die nicht zugelassene Verwendung ihres Produktes einstellt. Hauen und Stechen also, aber die Ausweitung des Marktes hat aus dem ursprünglichen Aschenputtel, das ohne finanzielle Unterstützung aus öffentlichen Mitteln vermeintlich nicht hätte entwickelt werden können, einen Bestseller gemacht, mit 500 Millionen Dollar Umsatz im Jahr.
Eine andere irreführende Argumentation dieser Interessengruppe: Die Hormonmenge im Körper nimmt mit dem Alter stark ab. Da die Hormonpräparate als Ersatz bei Hormonmangel zugelassen sind, wird die altersbedingte Abnahme als "Mangel" interpretiert und die Hormon-Anwendung zur "Verjüngung" empfohlen. Alter gilt so als behandlungsbedürftige Krankheit.
Das Dopen an den High-Schools hat einen sozialen Hintergrund. Die AbgängerInnen dieser Schule, die in etwa unserer Hauptschule entspricht, haben wenig Chancen, in eine weiterbildende Schule (College) aufgenommen zu werden. Aber in den USA gibt es die Besonderheit, dass gute Noten im Sport viele Türen öffnen.
© LINDE PETERS, 2003
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»Gentechnik, Geschäft und Rüstung«
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