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BioSkop – Forum zur Beobachtung
der Biowissenschaften
und ihrer Technologien |
Körper als Rohstoff
Transplantation / Patentierung / Gene & Geschäfte / Stammzellforschung
Klaus-Peter
Görlitzer
(Hamburg), Journalist, redaktionell verantwortlich für BIOSKOP:
Staatliche Unterstützung erwünscht
Deutschlands Biotechnologieunternehmen rufen mal wieder nach besseren politischen Rahmenbedingungen
Wirtschaft, Politik und Medien stilisieren
Bio- und Gentechnik gern zu »Schlüssel- und
Zukunftstechnologien«, die Garanten
für kräftiges Wirtschaftswachstum und
neue Arbeitsplätze sein sollen. Bisher ist
die Ertragslage der Biotechbranche
allerdings bescheiden bis hoch defizitär,
weshalb sie einmal mehr nach besseren
politischen Rahmenbedingungen ruft.
Die rot-grüne Bundesregierung hört gern
drauf und will ihren Förderbeitrag leisten
- für eine Zukunft, die viele Firmen nicht
mehr erleben werden.
Anfang Mai, kurz vor der heißen Phase des
Wahlkampfes, verbreitete Edelgard Bulmahn
Erfolgsmeldungen: »Deutschland«, jubelte die
Forschungsministerin, »hat seinen Spitzenplatz
in der Biotechnologie in Europa weiter ausbauen
können.« Die SPD-Ministerin freute sich
demonstrativ über den druckfrischen Biotechnologie-
Report namens »Neue Chancen«, erstellt
von der Unternehmensberatung Ernst &
Young. Der Bericht zeichnet ein schönes Bild
von der noch jungen Branche, die sich seit
Mitte der 90er Jahre bemüht, Arzneimittel,
Gentests und Gewebeersatzstoffe mit bio- und
gentechnischen Methoden zu entwickeln, außerdem
auch genmanipulierte Pflanzen und
Lebensmittel.
Beeindrucken sollen schon die Statistiken:
Laut Ernst & Young ist die Zahl der mittelständischen
Biotechfirmen im Jahr 2001 auf 365
gestiegen, binnen drei Jahren habe es 86 Neugründungen
gegeben. Die kleinen und mittleren
Unternehmen beschäftigten 2001 insgesamt
14.408 Menschen und damit 35 Prozent mehr
als 2000; der Umsatz (nicht der Gewinn!) sei
um ein Drittel gewachsen, auf rund eine Milliarde
Euro. Für Forschung und Entwicklung hätten
die Unternehmen 2001 dreimal so viel ausgegeben
wie 1999, nämlich 1,23 Milliarden Euro.
»Die Innovationspolitik der rot-grünen Bundesregierung
«, bilanzierte Bulmahn stolz, »hat
eine ungeheure Dynamik für zukunftsfähige
Arbeitsplätze im Bereich der Bio- und Gentechnologie
in Gang gebracht«; zwischen 2001 und
2004 werde das staatliche »Rahmenprogramm
Biotechnologie« insgesamt 860 Millionen Euro
an Fördermitteln vergeben haben.
Inzwischen lesen sich die Berichte über die
Biotechbranche ganz anders, seit Monaten jagt
hierzulande eine unangenehme Nachricht die
nächste (übrigens auch in den USA, mehr dazu
ab Seite 10). Viele Firmen mussten öffentlich
ihre Umsatzerwartungen nach unten und ihre
Verlustschätzungen nach oben korrigieren,
darunter bekanntere Namen wie die Aktiengesellschaften
MediGene, Morphosys und MWG
Biotech. Auch Insolvenzen und Entlassungen
gehören längst zur Realität der visionären
Branche. Kurzum: Biotech schreibt fast durchgängig
rote Zahlen. Und vielen der kleineren
Unternehmen - vier von fünf beschäftigen
weniger als 80 MitarbeiterInnen - fehlt auch
die Perspektive, am Kapitalmarkt überhaupt
Geld locker machen zu können.
»Konsolidierung« der Branche
An der Börse sind ohnehin nur wenige deutsche
Biotechfirmen notiert, und diejenigen, die
ihre Aktien dort feil bieten, mussten seit Jahresbeginn
fast einhellig deutliche Kursverluste
hinnehmen, teilweise um mehr als fünfzig
Prozent. Weil ihnen das Kapital fehlt, haben
viele Hoffnungsträger inzwischen ihre Aussichten
begraben müssen, mit einem eigenen Knüller-
Medikament doch noch irgendwann das
ganz große Geld machen zu können: Sie sind
schlicht gezwungen, auf die teure Entwicklung
eigener Produkte zu verzichten und können
statt dessen froh sein, wenn sie finanzstarke
Pharmaunternehmen finden, an die sie vermeintlich
innovative Forschungsprojekte frühzeitig
auslizensieren dürfen. Diese aus der Not
geborene Strategie ist für KapitalgeberInnen
aber wenig attraktiv. »Viele Investoren erwarten
gerade eine eigene Forschung, weil damit
Geld verdient werden kann«, erläuterte Analyst
Alexander Burger von der Landesbank Baden-
Württemberg im November der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung (FAZ).
Angesichts solcher Stimmungsdämpfer kann
man über Bulmahns zur Schau gestellten Optimismus nur staunen: »Schätzungen hätten
ergeben«, verlautbarte eine Pressemitteilung
aus dem Bundesforschungsministerium noch im
Mai, »dass sich die Zahl der Arbeitsplätze im
Bereich der Biotechnologie innerhalb von sieben
bis zehn Jahren verfünffachen wird.« Die
jungen Biotechnologie-Unternehmen seien
dabei, »sich fest am Markt zu etablieren«.
(Noch mehr Verheißungen: siehe Randbemerkung
auf Seite 8)
Von »Konsolidierung« der Branche spricht
auch Professor Peter Stadler, Vorsitzender der
Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie
(DIB) und Geschäftsführer der Artemis Pharmaceuticals
GmbH. Die beschäftigungspolitischen
Effekte dürften allerdings weder im Sinne der
rot-grünen Bundesregierung noch der Biotech-
Belegschaften sein, sollte Stadler mit seiner
Prognose tatsächlich Recht behalten: »Wir
werden im kommenden Jahr die ersten spektakulären
Zusammenschlüsse in Deutschland
sehen«, orakelte er im November in der FAZ.
»Handlungsnotwendigkeiten«
Dessen ungeachtet hat die DIB, die als
Interessenvertretung von über 200 Mitgliedsfirmen
agiert, kurz vor der Bundestagswahl ihren
Wunschkatalog vorgelegt. Das Papier mahnt
eine konsistente »Biotechnologie-Strategie« an,
streicht das Potenzial der Gentechnik heraus
und benennt politische »Handlungsnotwendigkeiten
« im Sinne der Branche. Lang ist die
Wunschliste, hier nur einige wenige Auszüge:
Die Politik wird aufgefordert, endlich die europäische
Biopatentrichtlinie umzusetzen, für
eine »Beschleunigung und Straffung« der Arzneimittel-
Zulassungsverfahren zu sorgen und
die rechtlichen Rahmenbedingungen für den
»Anbau gentechnisch verbesserter Pflanzen«
weiter zu optimieren. Zudem erhofft sich die
Industrievereinigung die »Stärkung der Spitzenforschung
im weltweiten Wettbewerb« auch an
staatlichen Universitäten, denn ein gut ausgebildeter
wissenschaftlicher Nachwuchs kann
auch privaten Unternehmen nützen. Und natürlich
fehlen auch die üblichen Forderungen nach
Steuervergünstigungen und verbesserter Eigenkapitalförderung
nicht. Außerdem ist dem DIB
der »öffentliche Diskurs« wichtig. »Ein Rückhalt
in der Öffentlichkeit ist entscheidend für
die Nutzung der Potenziale der Bio- und Gentechnik.
« Zu diesem Zweck sei es notwendig,
»die Ergebnisse der Sicherheitsforschung auf
nationaler und internationaler Ebene stärker
der breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen
«. Und intensiviert werden müsse auch der
Kontakt zwischen Forschung, Industrie und
Öffentlichkeit, »gute Beispiele« seien Kampagnen
wie das 2001 vom Bundesforschungsministerium
ausgerufene »Jahr der Lebenswissenschaften«.
Nicht nur die Erfahrungen der vergangenen
Legislaturperiode sprechen dafür, dass die
Biotechbranche weiterhin reichlich Gehör bei
SPD und Grünen finden wird. Mut machen wird
ihr auch die Koalitionsvereinbarung; sie liest
sich, was Förderung von »Biotechnologie«
betrifft, weitgehend wie das Strategiepapier
der Industrievereinigung. (Siehe Kasten) Welche
Pleiten damit programmiert werden, ist eine
latent spannende Frage. Antworten wird es
in naher Zukunft reichlich geben.
© KLAUS-PETER GÖRLITZER, 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Autors
»In der rasant wachsenden
Biotechnologie-
Branche zeichnet sich nach
Ansicht von Bundesbildungsministerin
Edelgard
Bulmahn (SPD) ein Mangel
an Fachkräften ab. Die noch
relativ jungen Unternehmen
sollten daher bereits jetzt
massiv in die Qualifikation
ihres Nachwuchses investieren,
sagte die Minsterin am
13. August im Greifswalder
Biotechnikum.«
aus dem Newsletter des Deutschen
Ärzteblattes vom 13. August 2002
»Derzeit befindet sich die
Biotech-Branche unter starkem
Selektionsdruck. Ermöglichte
der Börsen- und Biotechnologieboom
im Jahr
2000 noch die Aussaat
fruchtbarer Ideen und Visionen
in den Nährboden der
Forschungs- und Entwicklungsabteilungen
der Biotechnologieunternehmen,
so sorgt die gegenwärtige
Ungeduld der weltweiten
Finanzmärkte für einen
heftigen Klimawechsel im
Biotop biotechnologischer
Innovationen. Manche im
frühen Wachstum befindliche
Produktentwicklung
wird dabei vom Erfolgs- und
Gewinndruck kalt erwischt,
und bereits etablierte Biotech-Unternehmen kämpfen
nicht nur um ihre Börsenwerte.«
aus einer Verlagsbeilage zur Frankfurter
Allgemeinen Zeitung (FAZ), die am 24. September 2002 unter dem Titel
»Wachstumsmarkt Biotechnologie« erschienen ist. Das Zitat stammt aus dem
Editorial »Gutes ins Töpfchen«, verfasst von Frank Jürgensen, Mitarbeiter der
Kieler Werbeagentur »dsn Projekte-Studien-Publikationen«. Die Agentur, die zu
ihren Kunden auch einige Ministerien zählt, zeichnet verantwortlich für den
redaktionellen Inhalt der 6-seitigen FAZBeilage, in der diverse ExpertInnen aus
Wirtschaft, Wissenschaft und Politik als AutorInnen auftreten.
Biotechnologie hat Zukunft - meint
jedenfalls die Bundesregierung. Wie
SPD und Grüne den »Biotechnologie-
Standort Deutschland« gemeinsam
fördern wollen, steht auf Seite 16 der
Koalitionsvereinbarung, die sie am
16.10. feierlich besiegelt haben. BIOSKOP
dokumentiert die Passage im Wortlaut:
»Dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit auf den
Weltmärkten erfordert eine Spitzenposition
bei Zukunftstechnologien. Ein dynamischer,
zukunftsgerichteter Unternehmenssektor ist
nicht nur Garant für neue Arbeitsplätze und
wirtschaftliches Wachstum, sondern trägt
auch mit immer neuen Produkten zur besseren
Befriedigung der Verbraucherwünsche
bei. Wir werden deshalb eine umfassende
und konsistente, ethisch verantwortbare
Biotechnologie-Strategie entwickeln, um das
Potenzial der Biotechnologie zu nutzen und
die Wettbewerbsfähigkeit des Biotechnologiestandortes
Deutschland zu sichern und
auszubauen. Wichtige Elemente sind dabei
Maßnahmen auf den Feldern Forschungsförderung,
Technologietransfer und Ausbildung,
Eigenkapitalförderung einschließlich der
Schaffung eines neuen Fonds für Anschlussfinanzierungen,
rechtliche und steuerliche
Rahmenbedingungen, internationale Zusammenarbeit,
gesellschaftlicher Dialog.«