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BioSkop – Forum zur Beobachtung
der Biowissenschaften
und ihrer Technologien |
Körper als Rohstoff
Transplantation / Patentierung / Gene & Geschäfte / Stammzellforschung
Volker Lehmann
(New York), BioSkopler und Politikwissenschaftler:
Platzende Biotechnologie-Blasen
In den USA stecken viele Biotechologiefirmen in der Krise,
und das Vertrauen der KapitalgeberInnen schwindet
Firmenskandale und die noch immer nicht
erfüllten Träume der »genetischen Revolution« bestimmen momentan das Bild
der US-amerikanischen Biotechnologie-
Branche. Ob sich das in Zukunft ändern
wird, hängt von der pharmazeutischen
Industrie und dem Vertrauen der KapitalgeberInnen
ab.
Der Arzneimittelmarkt in den USA strotzt nur so
vor Superlativen. Er ist der Grösste: Hier werden
jährlich Umsätze von 150 Milliarden Dollar
erzielt, die Hälfte des Weltmarktes. Gleichzeitig
ist er der Teuerste: Medikamente kosten in den
Vereinigten Staaten 25 Prozent mehr als in
Europa. Und so ist der US-Markt auch der Profitabelste:
Pharmahersteller konnten ihre AnteilseignerInnen
über Jahre mit zweistelligen Zuwachsraten
bei Profiten und Börsenkursnotierungen
beglücken.
Um die GeldgeberInnen bei Laune zu halten,
stehen die Firmen allerdings unter Erfolgsdruck;
sie müssen ständig mit neuen, profitablen
Präparaten auf den Markt kommen. Dies ist
nicht einfach, denn Arzneimittelforschung ist
mit vielen Unsicherheiten verbunden. Die Entwicklung
eines neuen Medikamentes bis zur
Marktzulassung kostet im Schnitt 250 Millionen
Dollar und dauert oft 8 bis 12 Jahre. Die harte
Konkurrenz zwingt die Pharmakonzerne zu
verschiedenen Strategien, um den Nachschub
an neuen Arzneien sicher zu stellen.
Eine Möglichkeit ist es, Firmen aufzukaufen,
die Vielversprechendes in der »Forschungs-
Pipeline« (Branchenjargon) haben, also mutmaßlich
gewinnträchtige Präparate entwickeln.
Diesen Weg beschreitet zum Beispiel Pfizer,
umsatzstärkster Pharmakonzern der Welt und
Hersteller der Potenzpille Viagra. Als bisher
letzte in der Reihe der Mega-Pharma-Fusionen
kündigte Pfizer im Juli an, man werde die an
Nr. 10 stehende Firma Pharmacia für 60 Milliarden
Dollar erwerben.
Eine andere Strategie verfolgt die weltweite
Nr. 2, der Konzern Glaxo-Smith-Kline. Seine
Forschungsabteilung splittete er in »Centers of
Excellence« auf, um sie firmenintern um Forschungsgelder
konkurrieren zu lassen. So soll
Bürokratismus klein und unternehmerischer
Geist groß geschrieben werden. Zudem versuchen
die Konzerne, ihre Medikamenten-Pipeline
durch Lizenzabkommen mit Biotechfirmen zu
füllen. Dabei entsteht eine typische Arbeitsteilung,
von der beide Seiten zu profitieren hoffen.
Die kleinen Biotechfirmen entwickeln ihre
Erfindungen nicht selbst bis zur Marktreife, sie
fungieren vielmehr als kreative Forschungszulieferer
für die großen Pharmamultis. Nur die
verfügen nämlich über genügend finanzielle
Mittel, Vertriebswege und Marketingabteilungen,
um ein Produkt tatsächlich auch erfolgreich
zu vermarkten. Von der Biotechindustrie
wird dabei in doppelter Hinsicht Erfindungsreichtum
verlangt: Einerseits soll sie aussichtsreiche
Kandidaten für Medikamenten-Entwicklung
liefern, und andererseits muss sie ständig
neue, kreative Finanzierungswege beschreiten.
Glücksspirale DNA
Der Werdegang einer typischen Biotechnologiefirma
sieht etwa so aus: ForscherInnen
einer Universität gründen mit ihren Erfindungen
ein Unternehmen und versuchen, Startkapital
anzuwerben. Dies kommt oft von so genannten
»Venture-Capitalists«, Risiko-Kapitalgeber-
Innen. Als Gegenleistung für ihr Geld verlangen
sie keine Zinsen, sondern Firmenanteile. Denn
die Starter-Unternehmen haben in den ersten
Jahren weder Produkte noch Profite zu bieten.
Im Gegenteil: Die durchschittliche Biotechfirma
macht jährlich etwa 7 Millionen Dollar Verluste.
Die für RisikokapitalistInnen lukrativste Art,
Geld zurück zu holen, besteht darin, die Firma
später an die Börse zu bringen und nach Kurssteigerungen
ihre Anteile mit satten Gewinnen
zu veräußern.
Als neue Akteure in der Wertschöpfungskette
der Pharmaindustrie haben sich in den
letzten Jahren Genomicsfirmen etabliert. Sie
konnten den InvestorInnen glaubhaft machen,
dass mit der Wissenschaft von der Struktur und
Funktion der Gene viel Geld zu verdienen sei.
Die Konzerne erhofften sich eine effektivere
Suche nach neuen Medikamenten und schlossen spektakuläre, hunderte Millionen Dollar
teure Kooperationsverträge mit innovativen
Firmen wie Millennium Pharmaceuticals ab.
Mittlerweile hat sich aber herausgestellt,
dass die Aussagekraft genetischer Daten begrenzt
ist und - wenn überhaupt - erst langfristig
zu wirtschaftlichen Erfolgen führen kann.
Selbst Celera, die private Konkurrenz zum öffentlich
finanzierten Humagenomprojekt und
Lieblingskind vieler BörsenspekulantInnen,
blieb von der Krise nicht verschont. Im Sommer
vollzog Celera einen tief greifenden Strukturwandel,
dem nicht nur 150 SpezialistInnen für
Gensequenzierung zum Opfer fielen, sondern
auch Craig Venter, Gründer und Chef der Firma.
Venter wurde kurzerhand zum wissenschaftlichen
Berater degradiert, da sein Gen-Daten-
Enthusiasmus der Entwicklung Celeras zu einer
»richtigen« Arzneimittelfirma mittlerweile im
Wege war.
Abwärtsspirale ImClone
Steht Celera symbolisch für die Schwierigkeiten
der Genomicsbranche, virtuelle Gen-
Daten in klingende Münze umzuwandeln, so
verursachten konkrete klinische Daten der New
Yorker Firma ImClone noch viel handfestere
Probleme. Als im Herbst 2001 deutlich wurde,
dass die Zulassung von ImClones neuem Anti-
Darmkrebsmittel Erbitux an den Hürden der
amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA scheitern
würde, behielt die Geschäftsführung die
schlechte Nachricht erst einmal für sich. Der
Pharmafirma Bristol Myers-Squibb, die gerade
1,2 Milliarden Dollar in ImClone investiert
hatte, und anderen AnteilseignerInnen wurde
weiterhin versichert, dass alles nach Plan laufe.
Bevor jedoch die FDA mit dem vernichtenden
Urteil an die Öffentlichkeit ging und die
ImClone-Aktien in den Keller stürzten, veräußerten
die Firmenleitung und einige eingeweihte
FreundInnen ihre Anteile. Den betrügerischen
Insiderhandel hat ImClone-Geschäftsführer Sam
Waksal mittlerweile gestanden; er sieht nun
einer Gefängnisstrafe von - theoretisch - bis
zu 65 Jahren entgegen.
Solche Betrügereien haben bei den InvestorInnen
einen Vertrauensverlust in die gesamte
biomedizinische Branche ausgelöst. Dass in
anderen Industriebereichen noch um ein Vielfaches
grössere Bilanzfälschungen von Firmen
wie Enron und WorldCom aufflogen, kann nur
Zyniker trösten. Das Vertrauen in Technologiefirmen
bleibt bis auf weiteres getrübt, und
Biotechunternehmen bläst jetzt ein eiseskalter
Wind ins Gesicht. Der Trubel um die »Entschlüsselung
« des menschlichen Genoms im Jahr
2000 ermöglichte es der Branche, über 30 Milliarden
Dollar - so viel Geld wie noch nie - anzulocken.
Davon ist nicht mehr viel übrig. Biotechfirmen
lassen sich immer schwieriger versilbern:
Lediglich 850 Millionen Dollar wurden in diesem
Jahr durch Börsengänge eingesammelt. Viele
Unternehmen werden inzwischen unter ihrem
Einführungskurs gehandelt, und der Biotechnologie-
Index der US-Technologiebörse Nasdaq
verlor in diesem Jahr fast die Hälfte an Wert.
Während sich viele Biotechfirmen vom
kasinokapitalistischen Pleitegeier bedroht
sehen, ergeben sich für andere neue staatliche
Subventionsstrohhalme. So hat das US-Verteidigungsministerium
nach den Anschlägen mit
Milzbranderregern im Herbst 2001 neue Biowaffen-
Forschungsprojekte ausgeschrieben.
Seitdem wurden zusätzliche Mittel in Höhe von
3,6 Milliarden Dollar bewilligt, um die Bevölkerung
mit Medikamenten gegen »Bioterrorismus«
zu schützen. Außerdem hoffen viele Firmen,
mehr vom sich ständig vergrößernden staatlichen
Forschungsetat abzubekommen. Präsident
George W. Bush hat das Budget für die Nationalen
Gesundheitsinstitute (NIH) für 2003 auf
27 Milliarden Dollar erhöht. Damit machte Bush
sein Versprechen wahr, die Mittel der NIH binnen
fünf Jahren zu verdoppeln und die Position
der USA als weltweite Nr. 1 an staatlicher
Förderung der biomedizinischen Forschung
auszubauen.
Keine rosigen Aussichten
Da die Arzneimittelentwicklung auch weiterhin
Hauptanwendungsgebiet für Biotechnologie
bleiben wird, hängt ihr Schicksal vom künftigen
Wohlsein der Pharmaindustrie ab. Von deren
massiven Gewinnen haben zwar die AnteilseignerInnen
profitiert, gleichzeitig sind aber die
Kosten im Gesundheitswesen explodiert. Mittlerweile
haben viele US-Bundesstaaten Preisbeschränkungen
durchgesetzt oder billigere
Kopien von Markenpräparaten - so genannte
Generika - verordnet. Bei den diesjährigen
Kongress-Wahlen ist auch George W. Bush mit
dem Versprechen auf Stimmenfang gezogen,
Arzneimittel zu verbilligen. So stellt sich auch
auf Bundesebene nicht mehr die Frage ob, sondern
wie Medikamente in Zukunft verbilligt
werden. Keine rosigen Aussichten für die
Pharma- und Biotechnologiebranche.
© VOLKER LEHMANN, 2002
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Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Autors
»Jetzt hat auch die
Biotechnologie ihre »Todesliste«.
Sie gibt Auskunft, wie
lange die Unternehmen
dieser Branche mit ihrem
Geld noch über die Runden
kommen. Angelegt wird die
Liste vom Brancheninformationsdienst
Biocentury.
Dessen Bilanz: Mindestens
61 amerikanische Biounternehmen
werden mit Ablauf
des kommenden Jahres
ihren Geschäftsbetrieb nicht
mehr finanzieren können,
sollte sich an ihrer Finanzund
Geschäftslage nichts
mehr ändern.«
aus einem Bericht der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung vom 20. September 2002, gedruckt auf der Seite »Finanzmarkt«
»Die US-Pharmaindustrie
insgesamt steht im Verdacht,
ihre Marketingmethoden
über die Grenzen des
Erlaubten hinweg auszureizen.
So reagierte die Börse
vergangene Woche sehr
empfindlich auf die Anhäufung
von Meldungen über
staatsanwaltschaftliche
Ermittlungen wegen unlauteren
Wettbewerbs und bundesweite
Untersuchungen
wegen Betrugsverdachts und
Bestechung. Kursverluste
zwischen drei und sechs
Prozent verbuchten die
Branchengrößen Pfizer,
Merck & Co., Schering-Plough
und Bristol-Myers Squibb
am vergangenen Mittwoch,
denn ihre Namen wurden im
Zusammenhang mit Korruptionsermittlungen
genannt.«
aus einem Bericht von Peter Kuchenbuch, den
die Financial Times Deutschland am 18. November 2002 veröffentlichte,
Überschrift: »Pharmakonzerne von Prozesswelle bedroht«