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Gefahren der Forschungs- und Vorsorgepolitik
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Im Dienst der Bevölkerungspolitik
Viele Studien zum Verhütungsmittel Norplant blenden unerwünschte Wirkungen des Präparats einfach aus
Das Verhütungsmittel Norplant wird vor allem für den Gebrauch in Ländern der so
genannten »Dritten Welt« propagiert - zwecks Geburtenkontrolle. Die Nutzerinnen
können nicht kontrollieren, wie lange das Präparat wirken soll. Obendrein steht Norplant im Verdacht, unerwünschte Nebenwirkungen zu produzieren: In den USA verklagten deswegen 50.000 Frauen die Vertriebsfirma. Zu den pharmakologischen Eigenschaften und Effekten Norplants gibt es zahlreiche
Studien. Eine kritische Durchsicht zeigt: Unerwünschte Wirkungen tauchen dort
nicht auf - Forschung und bevölkerungspolitische Ziele überschneiden sich.
Norplant besteht aus sechs streichholzgroßen Kapseln, die unter die Haut gesetzt werden und kontinuierlich das Hormon Levonorgestrel freisetzen. Das Einsetzen und Herausoperieren des Verhütungsmittels, das fünf Jahre wirken soll, muss von speziell geschultem medizinischen Personal vorgenommen werden - der Anwenderin ist es unmöglich, selbst zu bestimmen, wie lange sie das Präparat einsetzen will.
Entwickelt wurde Norplant vom Population Council, einer so genannten non-profit-Organisation mit Sitz in New York. Deren erklärtes Ziel ist es, dem Bevölkerungswachstum in der so genannten »Dritten Welt« Einhalt zu gebieten.
Verbreitet wird das Präparat durch internationale Institutionen wie Weltgesundheitsorganisation (WHO), Family Health International (FHI),
International Planned Parenthood (IPPF) und durch nationale Familienplanungsprogramme.
Medizinische Studien beschreiben Norplant mit Attributen wie »hoch effektiv«, »hoch
verträglich«, »sehr akzeptabel«, »sicher« und »geeignet«. Doch wer die wissenschaftlichen Artikel, derer es zu Norplant bisher rund 500 gibt, genauer anschaut und sie mit weiteren medizinischen Daten abgleicht, kommt zu einem anderem Ergebnis: Es bestätigten sich größtenteils Vorwürfe von Anwenderinnen, die
kritisieren, dass die Nebenwirkungen von Norplant heruntergespielt würden. Allein in den USA reichten über 50.000 Frauen aufgrund der Nebenwirkungen Klage gegen Vertreiber und ÄrztInnen ein. Mehr als 36.000 Frauen erhielten 1999 eine Abfindung von der Firma American Home Products, rund 50 Millionen US-Dollar wurden insgesamt gezahlt.
Wissenschaftliche Studien unterscheiden unerwünschte Wirkungen, die unter Norplant
auftreten, in Menstruationsstörungen und »andere« (nicht blutungsbezogene) Effekte. Die Kategorie »andere medizinische Effekte« wird in der Literatur auch gefasst als »persönliche Gründe«, »individuelle Konditionen« des Abbruchs der Norplant-Anwendung oder gar noch als »subjektive Nebenwirkungen«. In der »andere Effekte«-Kategorie werden - je nach Studie - bei 5 - 50 % der Anwenderinnen Migräne und/oder Kopfschmerzen angegeben. Androgen-Effekte wie Akne treten bei 5-25% der Anwenderinnen auf, starkes Körperhaarwachstum und/oder Ausfall der Kopfhaare bei
5 -10%. Bis zu 12 % der Frauen lassen sich Norplant bereits im ersten Anwendungsjahr
wegen Depressionen entfernen. Eierstockzysten treten bei 10 - 20% der Anwenderinnen auf. Diese häufigsten Nebenwirkungen werden in den Resümees der meisten Studien zu Norplant nicht erwähnt oder verharmlost. Zudem bestreiten Hersteller den Zusammenhang mit Norplant und stellen Erfahrungen der Frauen in Frage.
Akzeptanzstudien und Realität
Unter Norplant-Anwenderinnen treten gemäß den Meldungen an die US-Gesundheitsbehörde und einzelnen Arztberichten mehrere, sehr seltene Erkrankungen (einige Fälle je 100.000 Frauen) gehäuft auf, zum Beispiel Pseudotumor cerebri, der durch hohen Druck des Hirnliquors auf die Nerven verursacht wird und zu Seh-, Hör- und Gleichgewichtsstörungen führt. Bleiben solche Erkrankungen unbehandelt,
enden sie tödlich. Die Vertretung des Norplant-Vertriebs verteidigt das Präparat mit der hohen Zahl angefertigter (und bestätigender) Studien. Die für die Verbreitung in verschiedenen Staaten notwendigen Zulassungsstudien für Pharmaka sind jedoch im Besitz der zulassenden Firma, sie wurden im Falle von Norplant nicht veröffentlicht. Daher sind Öffentlichkeit und ÄrztInnen auf Informationen angewiesen, die im Wesentlichen von Population Council und Förderern und Vertreibern von Norplant (bis hin zur Weltbank) finanziert und produziert wurden.
Obwohl Norplant seit 1983 zunehmend und inzwischen von sechs Millionen Frauen weltweit angewendet wird, ist die von der USGesundheitsbehörde verlangte »post-marketing surveillance« erst 1998 beendet worden. Solche Expertisen könnten klären, ob sehr seltene Erkrankungen gehäuft auftreten. Die 1998 von der WHO beendete Studie ist bisher jedoch nicht zugänglich. Auch fehlen Forschungen zu Gesundheitsrisiken einer plötzlichen Levonorgestrel-Überdosis, wie sie beim Brechen der Implantate auftritt. Besonders frappant ist, dass es keine Studien zur Häufigkeit von HIV bei Norplant-Anwenderinnen gibt, obwohl belegt ist, dass die Anfälligkeit für vaginale Pilzinfektionen und Zervizitis durch das geschädigte Gewebe der inneren Sexualorgane erhöht ist.
Spätestens bei Analyse so genannter Akzeptanzstudien, die einen großen Teil der Untersuchungen zu Norplant ausmachen, wird deutlich, wie sich medizinwissenschaftliche Erkenntnisbildung mit dem politisch-sozialen Anwendungszusammenhang von Norplant überschneidet. In Akzeptanzstudien wird ermittelt, wie hoch die Rate an Abbrüchen der Norplant-Anwendung ist. Die AutorInnen verzichten darauf, »Akzeptanz« zu definieren und gehen einfach davon aus, dass das Verbleiben eines Implantats im Arm der Anwenderin bedeutet, dass sie es akzeptiert. Die Abbruchraten sind von Land zu Land auffällig unterschiedlich: zwischen 1-25% Abbrüche innerhalb des ersten Jahres. Andere Studien zeigen, dass MedizinerInnen eine frühzeitige Entfernung von Norplant zumindest bei der ersten Nachfrage in der Regel ablehnen. Die Implantate verbleiben bei den meisten Anwenderinnen auch dann noch im Arm, wenn sie dies überhaupt nicht mehr »akzeptabel« finden.
Norplant gilt den BefürworterInnen als geeignetes Mittel für zwangsweise Verabreichung
von Schwangerschaftsverhütung. Drastisch verdeutlichen dies so genannte »Norplant-
Safaris« in Indonesien, wo Frauen bei vorgehaltener Waffe in Lastwagen zur Klinik gebracht wurden. Solchen gesellschaftlichen Umständen sprechen die Akzeptanzstudien Hohn.
© BETTINA BOCK VON WÜLFINGEN, 2000
Alle Rechte vorbehalten
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Schwangerschaft nach Verhütung
»Wyeth-Ayerst Laboratories, eine Tochtergesellschaft von American Home Products
(AHP), rät vom weiteren Gebrauch ihres Produktes Norplant ab. Das Unternehmen
ist sich sicher, dass Norplant die Möglichkeit einer Schwangerschaft nicht wesentlich erhöht. Dennoch rät Wyeth-Ayerst zu zusätzlichen Verhütungsmitteln.
Dies wurde letzte Woche über 9.000 Gesundheitsfürsorgen und Familienberatungsstellen in einem Brief mitgeteilt. Die Institutionen sollen jene Frauen
informieren, die möglicherweise ihr Norplant-Kit aus einem der acht offensichtlich
fehlerhaften Produktpaletten erhalten haben. Das Norplant-Kit besteht aus sechs streichholzgroßen Kapseln, die unter der Haut des Oberarms eingepflanzt
werden. Die Schwangerschaftsrate bei Verhütung mit Norplant liegt nach Unternehmensangaben bei 3,9 Prozent. American Home Products verliert 3 Prozent
und notiert aktuell bei 56,25 US-Dollar.«
Meldung des Internetdienstes www.wallstreet-online vom 18. August 2000
Schleichende Reproduktionskontrolle
Fehler und Versäumisse bei der Forschung zu Norplant zeigt ein Buch von Bettina
Bock von Wülfingen auf, das im Januar erscheint. Die Autorin, die Biologie, Philosophie
und Politikwissenschaft studiert hat, beleuchtet zudem bevölkerungspolitische
Interessenlagen. Und sie bestätigt die Warnungen von Gentechnik-AnalytikerInnen vor schleichender, weltweiter Reproduktionskontrolle.
Bettina Bock von Wülfingen:
Verhüten - überflüssig. Medizin und Fortpflanzungspolitik am Beispiel Norplant, Mössingen/ Talheim (Talheimer Verlag).