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EDITORIAL Heft Nr. 75 (März 2019)

Das Zeitalter der Extreme

Nein, es geht in diesem newsletter nicht um das große Thema des kurzen 20. Jahrhunderts, wie es der britische Historiker Eric Hobsbawm in seinem 1994 erschienenen Werk unter gleichemTitel behandelt hat. Und dennoch, in viel bescheidenerem Maße kann die Überschrift als Motto für die vorliegende Artikelsammlung gelten.

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Wahrscheinlich wäre der Brite Hobsbawm nicht überrascht über das Gebaren der heutigen PolitikerInnen seines Landes angesichts des Chaos, das sie infolge ihrer extremen Positionen bei einem möglichen, nicht möglichen, harten, weichen Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union erzeugt haben. Die Berichterstattung über diesen Brexit begleitet uns schon eine Weile. Jenseits der meist vieldiskutierten Grenzfrage in Irland fragt Volker van der Locht danach, ob und wie die PolitikerInnen negative Folgen des Brexits für behinderte Menschen abwenden wollen. Keinen Plan haben sie, so lassen sich einige Recherchen dazu zusammenfassen (Seite 1).

Extremen ist nicht nur eine staatliche Gemeinschaft wie die im Vereinigten Königreich ausgesetzt. Extrem können sich auch die Positionen eines Individuums wandeln. Erika Feyerabend erinnert an den Molekularbiologen Ludger Weß, der in den achtziger Jahren kritische Beiträge zur Eugenik des 19. und 20. Jahrhunderts publiziert hat und heute, ganz im Gegenteil, berechtigte Kritik an der Pharma-, Bio- und Chemieindustrie als populistisch lächerlich macht (Seite 4).

Extrem können jedoch nicht nur politische Einstellungen sein. Sie finden sich auch in der Wissenschaft. Volker van der Locht warf einen Blick in das Buch „Geschlecht und Heimerziehung“. Was nach den Verlagsankündigungen als kritisch-feministische Publikation gilt, Mädchen/Frauen in der Heimerziehung sichtbar(er) zu machen, erwies sich jedoch als eine Abhandlung, die ohne akademischen Abschluss nicht zu verstehen ist. Eben „Neues Altes aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm“ (Seite 6).

Nicht ganz so extrem, aber nicht ohne Spannungen stellt sich die Berichterstattung über die Gleichstellung behinderter Menschen in der Bundesrepublik Deutschland dar. Angesichts des 10-jährigen Jubiläums der UN-Behinderten-rechtskonvention hierzulande überrascht es nicht, dass die vielen und richtigen Forderungen der Konvention in der Praxis noch nicht verwirklicht sind. Dies legt zumindest die neue Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ mit Schwerpunkt „Menschen mit Behinderungen“ nahe. Erika Feyerabend gibt einen Überblick über die Themen des Hefts auf Seite 2.

Möglicherweise versetzen die Artikel die Leser und Leserinnen in ein Wechselbad der Gefühle. Die Zeiten entsprechen halt auch heute noch dem Hobsbawm’schen „Zeitalter der Extreme“. Aber wir sind sicher, dass unsere LeserInnen bei der Lektüre nicht die innere Balance verlieren.

In diesem Sinne

Für die newsletter-Redaktion

VOLKER VAN DER LOCHT

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Die aktuelle Ausgabe Nr. 75 des newsletter Behindertenpolitik erschien als Beilage zu BIOSKOP Nr. 85.

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