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EDITORIAL Heft Nr. 73 (September 2018)

Exotisches

Die Exotik versteht der Duden als eine Anziehungskraft, die von etwas Unbekanntem oder Fremdländischem ausgeht. Ihr liegt ein Zauber zugrunde, dem man/frau nicht widerstehen kann. Wer kennt nicht diese Gefühle? Vielleicht stellt es sich im Moment nach einem Urlaub in einer exotischen Gegend ein oder auch nur nach dem Genuss einer exotischen Mahlzeit in einem nichtdeutschen Restaurant hierzulande. In diesem Sinne möchte der vorliegende newsletter die LeserInnen ebenfalls in exotische Welten entführen.

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Eine in diesem Sinne fremde Welt ist für uns westlich sozialisierte Menschen häufig immer noch Osteuropa. Das gilt auch für den Umgang mit Behinderten. Volker van der Locht berichtet aus Arbeiten zur Geschichte behinderter Menschen in Weißrussland, in denen sich teils fremde, teils vertraute Traditionen im Umgang mit Behinderung verschränken (Seite 6), und Erika Feyerabend geht auf einige aktuelle Entwicklungen in Ungarn ein, die sowohl Frauen als auch Menschen mit Behinderung betreffen (Seite 1).

Exotische Menschen aus den unterworfenen Kolonien, aber auch Menschen mit Behinderung, wurden früher in sogenannten Freak-Shows dem staunenden weißen, nichtbehinderten Publikum vorgestellt. Hier vermischt sich der Zauber der Anziehung mit einer Angstlust. Im umgrenzten Rahmen der Show kann man/frau sich dem „Exoten“ zuwenden, im Alltag darf er aber keinen Raum einnehmen. An diese Gefühle erinnert Erika Feyerabend in ihrem Artikel über Fremdheitserfahrungen in der Konfrontation mit Behinderung, die im gegenwärtigen bloß rechtsbasierten Inklusionsdiskurs verboten sind (Seite 2).

Aber nicht nur die Unterworfenen und Marginalisierten bleiben dem Durchschnittsmenschen fremd. Exotisch wirkt ebenfalls die privilegierte Welt der ManagerInnen mit ihren schamlos hohen Einkünften. Deutlich wird das an dem kürzlich bekanntgewordenen „Skandalgehalt“ der früheren Geschäftsführerin der Duisburger Behindertenwerkstatt. „Sie ist nicht allein“, resümiert Volker van der Locht auf Seite 4.

Angesichts vielfältiger Barrieren wird der einen oder dem anderen bei der Lektüre der Artikel möglicherweise wieder mal bewusst, als „Fremde“ oder „Exoten“ wahrgenommen zu werden. Aber diese Einsicht kann eine Voraussetzung bilden, der „Entfremdung“ (Karl Marx) entgegenzuwirken.

In diesem Sinne

Für die newsletter-Redaktion

VOLKER VAN DER LOCHT

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Die aktuelle Ausgabe Nr. 73 des newsletter Behindertenpolitik erschien als Beilage zu BIOSKOP Nr. 83.

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