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* Erfahrungen

Das Editorial zur aktuellen Ausgabe
(Nr. 46 – Dezember 2011)

„In unseren Lesebüchern stand die Fabel vom alten Mannder auf dem Sterbebette den Söhnen weismacht, in seinem Weinberg sei ein Schatz verborgen. (…) Sie gruben, aber keine Spur von Schatz. Als jedoch der Herbst kommt, trägt der Weinberg wie kein anderer im Land. Da merkten sie, der Vater gab ihnen eine Erfahrung mit.“

Wer trifft heute noch auf Leute, die rechtschaffen etwas erzählen können? Wer wird auch nur versuchen, mit der Jugend unter Hinweis auf seine Erfahrung fertig zu werden? So könnte sich der Leser und die Leserin fragen. Nein, es geht hier nicht um Bildungsfragen im Hinblick auf eine Jugend, bei der es unmöglich erscheint, ihr nichts mehr in einer flexibilisierten, ständig auf Veränderung gepolten (Arbeits)-Welt zu vermitteln. Die Fragen stellte schon Walter Benjamin 1933, um die um sich greifende Entwertung des Erfahrungswissens zu beschreiben.

Mit der vorliegenden Ausgabe des newsletters möchten wir dagegen einen Kontrapunkt setzten. Rebecca Mascos beschreibt in ihrem Artikel über Frauenbeauftragte in Werkstätten und Wohnheime für Behinderte, wie durch fachliche und persönliche Erfahrungen der Beauftragten ratsuchende Frauen befähigt werden, sich gegen alltägliche Diskriminierungen am Arbeitsplatz und im Wohnbereich zu wehren (Seite 2).

Jenseits persönlicher Dimensionen machen deutsche und iranische ForscherInnen ganz andere Erfahrungen. Am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik haben sie für 50 bisher unbekannte genetische Ursachen für geistige Behinderungen lokalisiert. Was dies für werdende Mütter und ihre Leibesfrucht bedeutet, beleuchtet Klaus-Peter Görlitzer auf (Seite 5).

Die moderne genetische Forschung weckt ungute Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus. Denn neben medizinischen waren auch immer soziale Kriterien entscheidend, normabweichende Menschen zu töten. Volker van der Locht erinnert an die Erfassungsaktion in einem Berliner Arbeitshaus, um die dort internierten Menschen der Vernichtung zuzuführen (Seite 6).

Wir hoffen, dass wir mit dem neuen newsletter einige Erfahrungen behinderter Menschen weitergeben zu können und wünschen allen Leserinnen und Lesern geruhsame Festtage und einen hoffnungsfrohen Neujahrsbeginn.

Für die newsletter-Redaktion

VOLKER VAN DER LOCHT

Die aktuelle Ausgabe Nr. 46 des newsletter Behindertenpolitik erschien als Beilage zu BIOSKOP Nr. 56.

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