1959 veröffentlichte Günther Anders seine »Thesen zum Atomzeitalter«. Sie stehen auch im Günther-Anders-Lesebuch (Seiten 67-78), herausgegeben von Bernhard Lassahn, das 1984 im Diogenes Verlag erschien.
ATOMKRAFT? ABSCHALTEN!
Leben mit der »Frist«
Von Erika Feyerabend
Der Atomunfall im japanischen Fukushima bestätigt, was Günther Anders anlässlich der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki schrieb: Alle Geschichte nach 1945 ist nur mehr eine Frist, »in der wir gerade noch leben«. Die atomare Kriegstechnologie kann das »Zeitenende« bedeuten, prognostizierte der jüdische Philosoph. Seit Harrisburg, Tschernobyl und nun Fukushima ist klar: ihr »zivil« genannter Einsatz hat dieses Potential in den vergangenen dreißig Jahren mehrfach bewiesen. Die Lage ist dramatisch.
Politisch ist der Frage, wie wir leben wollen, eine neu untergeschobene: »Werden wir leben?« In seinen »Thesen zum Atomzeitalter« schrieb Anders: In der heutigen Situation gibt es nicht nur unter anderem Atomwaffen und Kerntechnologie (oder Biotechnologien), sondern politische Handlungen finden innerhalb einer »atomaren Situation« statt. Weiter gefasst: »In dem ‚Technik’ genannten Weltzustand« spielt »sich nun Geschichte ab«.
Unter dem Eindruck der Ölverseuchung im Golf von Mexiko haben wir – fast selbst schon »apokalypseblind« – im September 2010 befürchtet, » ‚dass die atomaren Drohungen (…) von Tag zu Tag als selbstverständlicher akzeptiert werden, sogar als täglich langweiliger gelten’ (Anders). Man gewöhnt sich. Jede/r ist vom Kommen (des atomaren Desasters) überzeugt. Pragmatisch glaubt aber niemand daran. Also plant und lebt man, als würde alles so weiter gehen wie gehabt«.
Begriffe wie »Restrisiko« oder »Brückentechnologie«, die »alternativlos« den »Lebensstil« sichern würden, gehören endgültig unter Quarantäne.
Das gelingt, weil die Ungeheuerlichkeiten und auch die konkreten Verantwortlichkeiten unkenntlich gemacht werden. Begriffe wie »Restrisiko« oder »Brückentechnologie«, die »alternativlos« den »Lebensstil« sichern würden, gehören endgültig unter Quarantäne.
Nun droht die Frist abzulaufen. Um nicht hilflos dem »Weltzustand Technik« zu erliegen, sollten spätestens jetzt die verantwortlichen Akteure in der »atomaren Situation identifiziert werden. Zum Beispiel Konzerne wie RWE und Vattenfall. Sie setzen auf Atomstrom und zentralisierte Stromproduktion – statt auf erneuerbare Energien, statt auf Sparen und regionale Versorgungsnetze. Zum Beispiel die schwarz-gelbe Bundesregierung. Sie hat die Laufzeitverlängerungen nach Gusto der Energiekonzerne abgenickt und auf die Brennelemente-Steuer gesetzt, um die Löcher zu stopfen, die durch die gleichermaßen unkontrollierten Finanzströme gerissen wurden. Zum Beispiel das deutsch-französische Nuklearunternehmen Areva, das ihr Know-how und ihre Technologien in aller Welt verkauft, um beim Bau weiterer Atomkraftwerke zu verdienen.
Diese politischen Kräfteverhältnisse zu ändern, machen sich derzeit viele auf. Das ist gut so. Abschalten – sofort – überall!
