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BioSkop – Forum zur Beobachtung 
der Biowissenschaften und ihrer Technologien

Junge Forscherinnen und Forscher im Feld der »Bio«-Wissenschaften,

an Euch ein Offener Brief.

Ihr habt studiert oder studiert noch, Ihr seid Diplomanden, Doktoranden oder habt schon promoviert und weitere Schritte Eurer Laufbahn stehen Euch bevor. Ihr arbeitet an einem Lehrstuhl an der Hochschule oder in einem Klinikum, vielleicht in einem Forschungsinstitut oder auch in der Forschungsabteilung einer Firma.

An Euch wenden wir uns:

Jede(r) einzelne von euch hat einen langen und nicht immer einfachen Weg zurückgelegt. Wir wissen, wovon wir reden, wir haben es selbst erlebt. Ihr habt ein halbes Leben lang gelesen, gerechnet, gelernt, Testate, Scheine, Prüfungen gemacht. Ihr habt mit einer unsicheren Zukunft gelebt. Ihr habt Eure Fächer lieben und hassen gelernt – die Physiologie, die Biologie, die Humanmedizin, Tier- und Pflanzengenetik, die Neurowissenschaft, die Ethik –, aber Ihr habt es geschafft und vielleicht war es die Liebe, die überwog: die Lust am Austüfteln und Einsichtnehmen, der Jubel des Aha-Effekts und die Freude am gelungenen Experiment. In Euren Fächern seid Ihr längst zuhause. Ihr kennt Euch aus, aber Erfolg und Mißerfolg liegen stets neu und drohend nahe beieinander. Zahllose Stunden habt Ihr gearbeitet: Nachts am Computer, im Labor, am Schreibtisch. Oft unbezahlt, stets unter Zeitdruck und nicht selten ausschließlich zum Ruhm Eurer Lehrer. Die Sorge um die eigene Zukunft sitzt Euch im Nacken, während Ihr Euch über die Zukunftsfragen der Menschheit den Kopf zerbrecht. Denn viele werden nicht genau wissen, ob und wie es weitergeht. Wann läuft Euer Vertrag, Euer Stipendium, Euer Forschungsprojekt aus?

Fast Euer ganzes erwachsenes Leben habt Ihr mit der Lust und den Qualen des Lernens und Erbringens von Leistungen verbracht. Ihr habt ungewöhnliche Fähigkeiten erworben, und wer wollte Euch verübeln, daß Ihr diese nun auch anwenden wollt? Es ist im Sinne Eurer Ausbildung. Ihr seid die Hoffnungsträger einer Leistungsgesellschaft. In dieser Eigenschaft sprechen wir Euch an.


Denn die Institution, in die Ihr hineingewachsen seid, ist eine scharfe Waffe: Nicht immer – aber manchmal – sollt Ihr davon absehen, um handeln zu können.
Es gehört zur Forschung, daß sie Grenzen überschreitet, die anderen selbstverständlich sind. Ziel (oder Effekt) Eurer Ausbildung aber war es, Euch dies vergessen zu machen.


Die Institution, in die ihr hineingewachsen seid, entlastet Euch von einer Frage: Was ist das, was bedeutet das, was ein Wissenschaftler tut? Was ich tue? Sie nimmt Euch das Gefühl dafür, daß Ihr diese Frage stellen könntet, während lediglich die Logik die Sache Euch etwas zu tun aufzugeben scheint. Es verschwindet »Deine« Frage: Will ich mit diesem Menschen, der dies tut, der dies getan hat – und der ich bin! – weiterleben? Möchte ich dies sein? Diese ausgelassene Frage kann einen einholen: "Was habe ich (eigentlich) getan?«
Das Wort Verantwortung mag ein wenig altmodisch klingen. Aber wie immer man es nimmt: Es ist das, was gefehlt hat, wo unmerklich Grauenvolles in den wissenschaftlichen Alltag Einzug hielt. In den Kaiser-Wilhelm-Instituten der Zwanziger Jahre bahnte sich die eugenische Medizin der Dreißiger und Vierziger Jahre an. Für die Doktoranden, die Laboranten und Forscher waren Selektionen der Sache nach logisch – und die Notwendigkeit zur Anwendung normal. Zu militärischen Zwecken, zur Abwehr von Seuchen oder Kriminalität, forscht man für die Entwicklung chemischer und biologischer Waffen, für die H-Bombe, die Tellerminen, für Luftabwehr und zur psychologischen Kriegführung bis heute – und man findet es normal, auch Meßdaten aus Zwangsbehandlungen, Folter und Menschenversuche einzubeziehen, zumindest, »wenn sie schon da sind«, und aus ihnen wissenschaftliche Einsichten zu gewinnen. Was besagt das alles aber über die Institution der Wissenschaft?

Die historischen Beispiele für die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Forschung haben etwas erschreckendes: Im seltensten Fall wußten die Beteiligten um die tatsächliche Bedeutung und Wirksamkeit dessen, was sie taten. Die Normalität des Machbaren hat sich nie ruckartig geändert. Das Normale ändert sich langsam. Man wird nicht gezwungen, es zu merken. Und wer alltäglich damit zu tun hat, merkt es noch weniger. Man müßte »Halt!« sagen und bewußt nach einer Außensicht auf sich selbst suchen – sonst gleitet man mit. Und fragt sich erst hinterher.


»Ja, aber es gibt doch die Kontrolle der Gesellschaft!« – das werdet Ihr jetzt sagen und es ist tatsächlich ein Argument. Aber schief und unehrlich. Denn als Wissenschaftler wißt Ihr besser als andere: Die Gesellschaft sitzt in den hintersten Reihe, geht es um die Wahrnehmung dessen, was Ihr tagtäglich seht. Es gibt keine Zeugen – außer Euch selbst, die Ihr im Begriff seid dazuzugehören. Ihr seid auf der Schwelle und seht nun beide Seiten eines verwickelten Geschehens. man hat Euch nicht gefragt, ob Ihr das wollt. Statt dessen gibt man euch das Gefühl, das »Dilemma«, in dem Ihr steckt, sei nicht Euer Problem. man bietet Euch eine Sichtweise an: Macht »nur« Eure Arbeit – und Ihr dürft Euch am Ende dann immer sagen, »die Gesellschaft« habe Euch zu Unrecht angegriffen.

Dabei ist alles ganz anders: Man verpaßt Euch Sichtblenden. Fangt deshalb noch einmal von vorn an! Stellt Fragen!


Seit einiger Zeit erleben wir allerdings, wie noch das Fragenstellen verwaltet werden soll. nach amerikanischem Vorbild sind in Europa »Ethiker« auf den Plan getreten. Ihr werdet das kennen, und viele von Euch werden der Medizinethik, der Bioethik, der Technikethik, der Ethik der Raumfahrt etc. in der Universität oder in Fachzeitschriften begegnet sein. Man bildet interdisziplinäre Arbeitsgruppen, an den Kliniken Ethikkommissionen, man entwirft »vernünftige« Standardlösungen für strittige Grenzfälle, die als unerwünschte Begleiterscheinungen der rapiden Fortentwicklung der Forschung permanent entstehen. Was aber geschieht da? Die Wissenschaft bildet ihre eigenen Spezialisten für Verantwortungsfragen aus. Sie entlastet sich, sie entlastet Euch, indem sie selbst – und nicht mehr die »naive«, fachlich überforderte Öffentlichkeit – ihre Grenzen bestimmt. Die sogenannte »Angewandte Ethik« fabriziert vorgefertigte Antworten. Sie gibt sich als »Problemlösung«, sie löst aber zuallererst institutionelle Antworten. Sie beseitigt Forschungshindernisse, sie begrenzt die juristische Verantwortung, und sie regelt Haftungsfragen.

Ausgerechnet in diesen neuen Forschungszweigen aber werden Stellen geschaffen. Da gibt es »Themen«, da kommt »der Nachwuchs« zum Zuge. Fragt Euch selbst, ob Ihr Euren Teil dazu beitragen wollt. Mißtraut den Automatismen. Mißtraut dem fachwissensschaftlich Selbstverständlichen. Mißtraut auch Euren Lehrern – die oft nichts Übles wollen, aber blind geworden sind im Betrieb. Mißtraut dem Mythos »Leistung«. Mißtraut dem Gerede vom »Nutzen«, den angeblich alles für »Zukunft« und Menschheit haben soll. Wieviel davon ist Legende?


Schließlich: Mißtraut der Währung, mit der man Euch kaufen will, der »wissenschaftlichen Reputation«. Denn was ist Euch in Eurem Leben wirklich wichtig? Wollt Ihr wirklich mit eigenen Händen und Herzen mithelfen, die Genomforschung, die Transplantations- und Präventivmedizin, das hirnphysiologische Vordringen ins Individuum, die Bioethik voranzutreiben?

Was immer Ihr genau tut (wir wissen es nicht im einzelnen und vertrauen Euch, die Ihr Erfahrungen habt und Augen und Ohren und Hände): In jedem Studium, in jedem Beruf gibt es Alternativen. In jeder Situation gibt es die reale Möglichkeit für ein persönliches und aus Freiheit gesprochenes Nein. »Dann stehe ich doch auf der Straße« – ? fragt Euch, ob das wirklich stimmt! Seid nicht bequem! Man ködert euch mit Karierrehoffnungen. Aber Ihr lebt nur einmal und auch wer nichts tut, wer weitermacht, hat eine Entscheidung getroffen.

Dabei könnt Ihr nicht zuletzt das, was Ihr gelernt habt, einsetzen, um Sand im Getriebe der Forschungs- und Denkfabriken zu sein. Verletzt Schweigebote, hinterfragt die »Programm«, in denen Ihr steckt, seht Euch an, was man aus Eurer Arbeit macht – und was man anderen damit antut. Sprecht Kollegen und Kolleginnen an, findet zusammen. Laßt euch nicht isolieren und auch nicht abtrennen von den Leuten »draußen«, die keine »Experten« sind.

Laßt Euch etwas einfallen – und: reicht diesen Aufruf weiter.


Kontaktadresse:
BioSkop – Forum zur Beobachtung der Biowissenschaften und ihrer Technologien e.V.
Bochumer Landstr. 144a, 45276 Essen, Tel. 0201/53 66 706, Fax: 0201/53 66 705, e-mail: info@bioskop-forum.de


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