BioSkop unterstützen! Kontakt Über uns

Mitlast aufgebürdet

»Das grundlegende Dilemma der Transplantationsmedizin liegt darin, daß sie hirntote Menschen, also Menschen in ihrem unumkehrbaren Sterbeprozeß wider jede unverstellte Anschauung zu Toten, zu Leichen erklären muß, um ihre Handlungsweise zu legitimieren. Dabei hat sie nicht nur gegen die intuitive Wahrnehmung des Laien, also in der Regel des Angehörigen anzugehen, in der der Hirntote als Lebender erfahren wird, sondern sie erfährt das gleiche Phänomen in ihrer eigenen Reihen, vor allem durch die Pflegekräfte. Ihnen wird die Mitlast bei der ‘Konditionierung’ von Hirntoten (anstatt Sterbebegleitung) und der Explantation von Organen aufgebürdet.«

Feststellungen des Mediziners Linus Geisler, der das Transplantationswesen seit vielen Jahren kritisch analysiert. Das Zitat stammt aus Geislers Aufsatz »Organtransplantationen aus medizinischer Sicht – ethische, gesundheitspolitische Fragestellungen und gesellschaftlicher Rahmen«. Der Aufsatz erschien in der Zeitschrift Wege zum Menschen (Heft 4/1996), Seiten 211-224. Nachzulesen ist der Text auch auf Geislers Homepage, wo weitere interessante Beiträge stehen.


  • Transplantationsmedizin
  • Schenkt Organspende »Leben«?
  • Nicht wirklich beruhigend
  • Weiter ohne wirksame Kontrolle
  • Verschwiegene Manipulationen
  • Notfall Organspende?
  • Ignorierte Tatsachen
  • Hirntodkriterium verfassungswidrig?
  • Sein wie Superman
  • Leben Hirntote noch?
  • »Organspende« nach Euthanasie
  • Transplantationsrecht: Kompliziert gesponnenes Netz
  • (K)ein Markt für Leichenteile
  • Ansprüche und Wirklichkeit
  • Offenbarungseid der Spendekommissionen
  • Sehr diskrete Selbstkontrolle
  • Merkwürdige Mängel
  • Denkwürdige Transplantationszahlen
  • Streit um »Hirntod«-Diagnostik
  • »Leben schenken«
  • Staatlich organisierter Organkauf
  • »Organspender bleiben hier final«

  • Transplantation und Gewissen
  • »Organspende«-Tests bei Lebenden?
  • Organentnahme ohne Einwilligung
  • »Ich schenke dir meine Niere« - BILD war dabei
  • »Cross-Over«-Transplantationen
  • Wachstumsorientierte Aufklärung
  • Schwerwiegende Komplikationen
  • Durchlässige Körper
  • Exklusive Mail von der DSO
  • Masterplan der DSO?
  • Organpolitik anders befragt - ein Tagungsbericht


  • Im BIOSKOP-Interview: BIRGIT OETTER-WALTER, OP-Krankenschwester

    »Organspender bleiben hier final«

    • Erfahrungen von Pflegekräften bei Explantationen

    aus: BIOSKOP Nr. 33, März 2006, Seiten 14+15

    Birgit Oetter-Walter arbeitet als OP-Schwester und Betriebsrätin in einer deutschen Großstadt. Das Aufgabenspektrum wurde vor einigen Monaten erweitert: Nun gibt es in der Klinik auch Organentnahmen bei »hirntot« diagnostizierten Menschen. Die Leitung des Krankenhauses will die Zahl der Explantationen steigern. Wie Pflegekräfte die neue Situation erleben, erläutert Birgit Oetter-Walter im Gespräch mit Erika Feyerabend.

    BIOSKOP: Wann und wie oft werden Körperteile in eurer Klinik explantiert?

    BIRGIT OETTER-WALTER: In der Regel nachts. Es kann ja vorkommen, dass Transplanteure aus entfernten Regionen, etwa aus Wien, anreisen, um Herz, Lunge oder Leber zu entnehmen. Da vergeht einige Zeit. Da wir ja erst damit anfangen, rechne ich mit fünf bis zehn Entnahmen pro Jahr. Üblich war es bislang, dass zur Organspende vorgesehene Patienten ins Universitätsklinikum überführt wurden, das ja selbst transplantiert. Jetzt sollen auch in den Krankenhäusern, die den Hirntod diagnostiziert haben, Organe entnommen werden.

    BIOSKOP: Wie bewältigen die Mitarbeiter die zusätzliche Aufgabe?

    BIRGIT OETTER-WALTER: Für unser Haus sind Organentnahmen kein Ressourcen-Problem, weil wir mit fast fünfzig Leuten ein großes Team sind. Da werden sich immer Mitwirkende finden. Ich kenne aber auch Kollegen, die sind aus dem Universitätsklinikum weggegangen, weil sie das nicht mehr tun wollten.

    BIOSKOP: Sind Pflegekräfte verpflichtet, bei Organentnahmen mitzuwirken?

    BIRGIT OETTER-WALTER: In unserem Haus können das die Schwestern und Pfleger frei entscheiden. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation kann auch eigenes Personal schicken. Ob und was sich bei Weigerungen an arbeitsrechtlichen Folgen ergeben könnte, kann ich nicht sagen.

    BIOSKOP: Wie erlebt ihr die Explantationen?

    BIRGIT OETTER-WALTER: Der hirntote Patient sieht für uns aus wie alle anderen Patienten, die wir sonst in den Operationssaal bekommen, die wir versorgen und dann wieder auf ihre Station bringen. Organspender aber bleiben hier final. Sie verlassen den OP nicht lebend, sondern als Leiche. Das ist der Unterschied. Bei der Operation selbst ist es dieser Übergang, der verwirrt. Für Außenstehende ist das vielleicht schlecht nachvollziehbar. Die Organentnahme läuft ab wie eine normale Operation. Aber wenn wir die Körperteile vorsichtig heraus präpariert haben, ist der Bauchraum an dieser Stelle leer. Es wird dann nicht mehr beatmet. Auch wenn schon vorher mit der Hirntod-Diagnostik festgestellt wurde, dass der Patient verstorben ist, stellen wir erst an dieser Stelle den Tod für uns optisch her. Diesen Übergang erleben wir real.

    »Wir wollen heilen. Das ist völlig konträr zu Organentnahmen. Die Ärzte sagen immer: Wir heilen damit andere.«

    BIOSKOP: Gibt es weitere Vorbehalte?

    BIRGIT OETTER-WALTER: Wenn man Augen und Gehörknöchelchen entnimmt, dann werden die Patienten nicht mehr beatmet. Die vitalen Organe wie Herz oder Leber sind schon raus, der Patient ist also schon wahrnehmbar tot. Auch das ist ein Problem. Wir operieren an einer Leiche, die man normalerweise in Ruhe lässt. Und für viele sind die Augen ein sehr persönliches Körperteil. Da sagen die Leute: Das ist für mich wie ein Horrorfilm. Augen, sagt man, sind ja der Spiegel der Seele. Oder bei Multiorganentnahmen, die wir hier aber noch nicht hatten: Da bleibt vom Menschen nur die Hülle übrig. Solche Operationen dauern lange, das ist nur was für Standfeste. Viele Kollegen sagen: Wir wollen heilen. Das ist völlig konträr zu Organentnahmen. Die Ärzte sagen immer: Wir heilen damit andere.

    BIOSKOP: Wo siehst Du Deine Aufgabe als Betriebsrätin?

    BIRGIT OETTER-WALTER: Ich habe erlebt, dass Diskussionen mit Dienst habenden Ärzten über dieses Thema schwierig sind. Allein schon zu thematisieren, dass es Kolleginnen gibt, die sagen: Ich möchte das nicht. Grundsätzliche ethische Diskussionen zu führen, ist nicht willkommen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung bisher. Hier ist niemand vom Dienstgeber zum Mitmachen gezwungen worden. Ich möchte aber ein Klima haben, in dem Kollegen sicher sein können, dass sie nur das tun, was sie verantworten oder ertragen können.

    © Birgit Oetter-Walter / Erika Feyerabend, 2006
    Alle Rechte vorbehalten
    Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Autorinnen